Gaijin. Japan 2019: Todesmutige Bergfeger

Nach einer durchregneten Nacht in der Zelle mit Aussicht, nehmen die Wandervögel mit Bahn und Fähre Kurs auf das Hiroshima vorgelagerte Eiland Miyajima. Umspült vom Gezeitenmeer wartet das Umschlagmotiv zahlreicher Reiseführer auf die Ausflügler: Das 16 Meter hohe und viele Tonnen schwere rote Tor des Tori-Schreins, das sich im Augenschein eher orangen anmutend zeigt. Ebenfalls vor Ort, die Reisegruppe von Disney Tours, die sich quäkend über die Promenade schlängelt. Hauptattraktion für die Amerikaner ist allerdings die örtliche Starbucks-Filiale, auch – oder vielleicht gerade – wegen der Toilettenanlage.

Stichwort Toilettenanlage: Hat man sich einmal mit deren Eigenheiten vertraut gemacht, gibt es an den japanischen Toiletten eigentlich nichts auszusetzen. Wie so vieles in Nippon sind sie allerdings hoffnungslos überfrachtet. Der auf die Schüssel geschraubte Sitz heizt vor, über eine Konsole reguliert man den Druck von Bidet und Analdüse. Auch ein pulsierender Strahl ist vielfach möglich. Häufig auch die Option von der Umgebung als unschicklich empfundene Press-, Wisch- und Pupslaute durch das Abspielen von blechernem Vogelgesang oder Wasserrauschen zu überdecken. Allerdings verzichten vor allem die Kandidaten, denen eine Nutzung angeraten wäre, auf diese. Zum Abschluss dann den Fön und einen Spritzer Parfüm – fertig ist der Toilettengang. Aber Obacht: keine Klobürsten!

So ist das Ausflugsziel dann nach fünf Minuten durchgespielt. In der Theorie. Praktisch entschließen sich die Wandervögel zu einer spontanen Bergwanderung; der Misen scheint mit 535 Metern das Richtige für einen Sonnentag bei 25 Grad. So geht es in den grünen Hang, nach all dem Beton der vergangenen Tage eine willkommene Abwechslung. Idyllisch geht es zu im Unterholz. Liebevoll dekorierte Statuen, begrünspante Schreine und zwischen Bäumen hervorlugende Rehe. Mit einem Wort ist jedoch das Idyll vorbei und zumindest die Büx von Wandervogel 1 voll: MAMUSHI. Ein Schild weist bestimmt auf das Vorhandensein dieser Viper hin und gibt den konstruktiven Tipp, bei einem Biss die Nummer ‚119‘ zu wählen. Angesichts der horrenden Roaming-Gebühren setzen die Wandervögel den Aufstieg geringfügig achtsamer fort.

Fortlaufend kommen den achtsamen Kraxlern bei ihrem Aufstieg emsige Waldarbeiter entgegen. In kleinen Trupps sorgen sie dafür, dass auch im Berghain japanische Verhältnisse herrschen und das bedeutet in erster Linie Sauberkeit. Mit flinken Besenstreichen fegen sie Laub und Nadeln von den Wegen, kratzen mit Schäufelchen in wegseitigen Drainagegräben. „Konichiwa.“ „Konichiwa.“ So geht das Gegrüße hin und her und mit jedem Gruß scheint der Schlussvokal gelängt bis Wandervögel und Waldkehrer sich schließlich nur noch mit quäkend verkürztem „Kwaaaaaaaaaaaa“ grüßen.

Der Mühe Lohn ist nach gut anderthalb Stunden ein Panoramablick über die Insel. Beim Abstieg über die B-Route können die Wandervögel Lebenshilfe leisten. Aufgelöst keuchend fragt ein Kletterer, wie weit es noch bis zu Spitze sei. „Nicht mehr weit“, versichern die Wandervögel. Erleichterung macht sich im Gesicht des Asiaten breit. „Oh good. I already wanted to give up!“, eröffnet er seine Schwäche. Wie aus der Pistole schreien ihn die Wandervögel mit ausgestreckten Zeigefindern an: „No! Never give up!“ Verstört wie energetisiert von so viel positiver Energie rast der Mann den Berg hinauf. Die Wandervögel zwinkern sich zu und führen ihr Fäuste zusammen. Wieder einen verbessert.

Um den Abstieg etwas aufzulockern, entschließen sich die Wandervögel zu einer romantischen Seilbahnfahrt ins Tal. Allerdings wird daraus nichts, denn Tokio ist überall: In die mit zehn Sitzplätzen ausgestattete Gondel verpresst der Einweiser locker 30 Menschen. Die Speiseröhre einer Stopfgans erscheint im hinkenden Vergleich als ein angenehmerer Aufenthaltsort. Mehr Platz gibt es in den kleineren Folgegondeln, allerdings sind die Insassen weit weniger angetan vom Ausblick über das idyllische Grün. Stattdessen sind die Insassen damit beschäftigt, dem Bekanntenkreis mitzuteilen, dass sie sich gerade jetzt in einer Gondel über einem Wald befinden, wie das schnell geschossene Beweisbild zeigt. Und nun bitte mehr Likes als für das Foto vor der Starbucks-Filiale.

Im Tale angekommen, sind andere Gezeiten angebrochen. Das Wasser ist weg und das Tor steht auf dem Trockenen. Während Reisegruppen mit Rollkoffern über den Meeresboden ziehen, graben Einheimische dort nach Krebsen und anderem Meeresgetier, um dies später den von der Wattwanderung ausgehungerten Reisegruppen als frittierte Zwischenmahlzeit zu verkaufen. Inmitten tausender klassenfahrender Schüler machen sich die Wandervögel auf den Weg zur Fährheimfahrt und sind um die Erfahrung reicher, dass nicht ganz Reiserouten-Japan aus Beton besteht.

Gaijin. Japan 2019: Bauernfrühstück in Hiroshima

Kyoto ist nach dem Müsli abgefrühstückt und die Wandervögel machen sich auf den Weg nach Hiroshima. Wie es jedoch gute Sitte unter Japan-Reisenden ist, mit einem Zwischenstopp in Himeji, um die Ninja-Akademie aus dem James-Bond-Film zu besichtigen. Tatsächlich ist die Burg bereits vom Bahnhof aus sichtbar und macht einen imposanten Eindruck; vor allem angesichts der Tatsache, dass die Feste zu größten Teilen aus Holz, Seilen und Gips besteht. Damit die guten Dielen keinen Schaden nehmen, heißt es wie so oft: Schuhe aus! Allerdings aber haben die Buttersäure verströmenden Socken von Wandervogel 2 eine viel desaströsere Auswirkungen auf die Bausubstanz als seine Urlaubstreter.

So klettern Hunderte mit knisternden schuhgefüllten Plastiktüten in den Händen durch die Anlage, staunen über die vielschichtigen Verteidigungseinrichtungen und genießen schließlich die Aussicht über die Stadt. Für die Wandervögel nur eine kurze Atempause, dann sitzen sie bereits im Zug nach Hiroshima, das sie mit strömendem Regen begrüßt. Bindfäden. Zum Glück ist die Unterkunft nur sechs Minuten Fußmarsch entfernt. Eine Bettenburg mit 700 Zimmern, in der die Wandervögel im 14 Stock residieren. Damit man die Gelegenheit nicht zum Fenstersprung nutzt, lässt es sich lediglich kippen. Im Erdgeschoss-Supermarkt erstandene Fertiggerichte werden in der Flur-Microwelle aufgewärmt. Doch den Wandervögeln steht der Sinn nach örtlichen Spezialitäten.

Im strömenden Regen wird Wandervogel 2 zum abendlichen Blickfang. Bei der Entfernung des Uganda-Drecks aus den Tevas haben sich Spuren von Shampoo im Fußbett der Sandalen festgesetzt, die sich nun in Verbindung mit den sich auf die Reisenden ergießenden Wassermassen in gut sichtbaren weißen Schaum verwandeln. Das hat selbst die Stadt, die eine Atombombe ertrug, noch nicht gesehen: ein Fuß-schäumender Gaijin. Welterfahren und von Indien- und China-Expeditionen darin geschult, öffentlich verehrt zu werden, erträgt Wandervogel 2 die Aufregung edel mit duldsamem Gleichmut. Ein 1,82 Meter großes Schaubild westweltlicher Exzellenz. Nur eben nass bis auf die Knochen und mit Schaum zwischen den Zehen.

Die vom Reiseführer viel gepriesene örtliche Spezialität, Okonomijaki, wird am Tresen serviert. Der wiederum ist von einer heißen Platte durchzogen, auf der die Speise zubereitet wird. Kein Hexenwerk: Auf ein Rührei schichtet der „Koch“ Nudeln (dünne Soba oder dicke Udong), Weißkohl, Sojasprossen, eine Hand voll Käse und Schwein. Nach dem Vermengen folgt ein weiteres Rührei und der wenig ansehnliche Berg wird vor den Besteller geschoben. Der wiederum macht sich daran, mit einem Spachtel Portionen abzuhacken, diese, wie alles, mit Teriaki-Soße zu verschandeln und mit Stäbchen abzuessen. Geschmacklich ist die „japanische Pizza“ schließlich nicht von einem vertrauten Gericht zu unterscheiden: Bauernfrühstück. Same same, but different.

Auf dem Rückweg zum Hotel unternehmen die Wandervögel einen kurzen Bier-Einkauf in einem Supermarkt. Neben dem Getränk der Wahl erstreckt sich das Angebot auch auf gebrauchte Videospiele und -Konsolen. „Zwei Bier, vier Äpfel und ein originalverpacktes Neo Geo bitte. Und den DS light machen Sie auch noch mal in die Tüte. Arrigato“ Tatsächlich bleibt es dann beim Bier, weil die Bude und das Lager schon voll genug sind von Elektroschrott. Als krönenden Abschluss des Abends will Wandervogel 1 das Hotel-Spa in Anspruch nehmen. Allerdings sorgen japanische Eigenheiten für Stirnrunzeln: strikte Geschlechtertrennung, denn Klamotten sind nicht. Erst Duschen und Waschen, dann ab in das heiße Gemeinschaftsbad um in gleichgeschlechtlicher Gesellschaft die Sorgen des Alltags zu vergessen. Als die alle verflogen sind, werden flugs neue vorstellig: Die Föne werden von ihre Füße cremenden und ihre Haare kämmenden Nackten blockiert. Unbegreiflich für die Reiseleitung, wie lange man mit diesen Tätigkeiten zubringen kann. Pragmatisch beschließt sie, die Eigentrocknung in den 14. Stock zu verlegen. Durch ihr Gebläse verwandelt sie die Vier-Quadratmeter-Legebatterie allerdings in eine Sauna, so dass auch Wandervogel 2 seine Portion Wellness abbekommt.

Gaijin. Japan 2019: Aller guten Tempel sind drei

Beim Müsli-Frühstück, oder was man in japanischen schwarzbrotlosen Supermärkten als Müsli verkauft, fragt Wandervogel 2 beim Durchblättern des Reiseführers beiläufig, ob denn auch der als exquisit markierte Kinkaku-ji Tempel auf der Tagesordnung stünde. Der Reiseleitung fällt der Löffel aus dem Gesicht. Es ist keine Zeit für Ausreden. Der verdammte Tempel ist ihr in der Vorbereitung durchgerutscht und muss nun nachträglich integriert werden. Denn wo Weltkulturerbe draufsteht, sind Wandervögel präsent.

Der von einem goldenen Phoenix gekrönte und in zwei Etagen mit Blattgold verzierte Tempel erweist sich als populäres Ausflugsziel. Zu Tausenden strömen Touristen in die Anlage und erschweren eine effektive Abarbeitung durch die Wandervögel. Immerhin ist die Anlage von beschaulichen Ausmaßen, so dass es dennoch zügig zum zweiten Punkt auf der Agenda gehen kann, dem Tempel Tōdai-ji in Nara. Der Weg führt nach kurzer Bahnfahrt durch eine Fußgängerzone, in der ein alter Bekannter aus einem Greifer-Automaten Wandervogel 2 grüßt: Kirby. Angezogen von der rosaroten Niedlichkeit inspizieren die Wandervögel das Etablissement, in dessen oberen Stockwerken Meilensteine der Videospielgeschichte warten: Space Invaders, Donkey Kong, Ghouls ’n Ghosts, Nemesis, R-Type und House of the Dead Scarlet Dawn. Die Jugend allerdings begeistert sich vornehmlich für Tänzerisches und gibt alles bei Dance Dance Revolution und anderen Bemanis. Doch weiter, weiter, weiter!

Als Vorboten der Tempelanlage und deren Nebenattraktion liegen dutzende Rehe gelangweilt am Wegesrand. Entgegen ihrem natürlichen Instinkt verspüren die possierlichen Tierchen nicht das geringste Fluchtbedürfnis und lassen sich bereitwillig füttern und fotografieren. Ihre trotz der permanenten Fütterung noch immer schlanke Körperform, verdanken sie ihrem beschleunigten Stoffwechsel: auf jedes Augenpaar eines scheu dreinblickenden, kauenden Waldbewohners kommen drei höchst produktive Hinterteile, die zu einer massiven Verkotung des Areals beitragen und den Spaziergang zum Hindernislauf machten. Kranichen gleich, frei von jeder Anmutung und voller Sorge über eingetretene Rehausscheidungen stockeln die Wandervögel durch das Gehege.

Hauptattraktion neben dem Tempel selbst, eine der größten Holzkonstruktionen der Welt, ist der darin sitzende 16 Meter hohe Bronze-Buddha. Die Trillionen Schulklassen hingegen fokussieren ihr Augenmerk auf einen unauffälligen Pfeiler. In dessen Fuß befindet sich ein Loch, dessen Ausmaße denen des Buddha-Nasenlochs entspricht. Entsprechend wollen die Blagen herausfinden, ob sie – zumindest in der Theorie – dem Buddha in die Nebenhöhle krabbeln könnte. Was auch immer man da will, schließlich fand Jona seine Zeit im Wal ja auch nur so mittel. Während Wandervogel 2 schadenfroh auf ein dickes und sich selbstüberschätzendes Kind hofft, kümmert sich Wandervogel 1 um ihr Wohlergehen. Vor dem Tempel steht ein Holzbuddha, dessen Bereibung – und nachfolgende Bereibung des eigenen zur Berreibungsstelle korrespondierenden Körperteils – Linderung verschaffen soll. Hilft so gut wie Globuli.

Doch die Zeit drängt, denn schließlich schließt die letzte Tempelanlage auf der Agenda, Fushimi Inari Taisha, mit Einsetzen der Dämmerung. Nach kurzer Zugfahrt werden die Wandervögel auch hier mit Horden von Schaulustigen konfrontiert. Das wissen auch die Mücken und zapfen die Wandervögel fröhlich an. Entsprechend ungelenk und sich fortlaufend selbst beklatschend eiern die Uneingesprühten durch die tausenden orangenen Tore der Anlage. Doch kennt man eines, kennt man alle und am Ende des Tages stellt sich – nach 17,5 Kilometern auf den Beinen – heraus, dass das Sprichwort, dass aller guten Tempel drei seien, ganz großer Quatsch ist.

Gaijin. Japan 2019: Kimono-Overload in Kyoto

Nach der ersten Nacht im automatisierten Appartement geht es ab in die Stadt. Allerdings stellt sich Kyoto in weiten Teilen als weniger hutzelig denn arg betoniert heraus. Der Weg führt durch die menschenleeren Gassen der Randbezirke, was die Wandervögel zu Spekulationen anregt, wo denn die ganzen Menschen sind, die in den hohen Häusern wohnen. Als eine plausible Antwort erscheint, dass sie den ganzen Tag lang durch die U-Bahn-Stationen hetzen und mit den Zügen hin und her fahren, um das Bild von Geschäftigkeit zu unterfüttern. Ebenso eigenartig ist die auffällige Abwesenheit von Abfallbehältern im öffentlichen Raum, während jeder Tourist eine Tüte mit Plastikabfall herumträgt. Die Lösung ist einfach und wie alle einfachen Lösungen bescheuert: Das Credo lautet: Wenn es keine Abfalleimer gibt, produzieren die Leute auch weniger Abfall. Und das angesichts der Tatsachen, dass selbst einzelne Kekse in Plastikfolie verpackt sind und Supermärkte Einweg-Strumpfhosen im Sortiment führen.

Da auch Kyoto einen Fischmarkt besitzt, ist das Frühprogramm gesetzt. Neben Konfiserie-Obst umfasst das Angebot diverse eingelegte Rettichsorten und mit Wachteleiern gefüllte Mini-Oktopusse am Stock. Wurgs. Das Frühstück muss warten. Es geht weiter zum Event des Tages: Der großen Geisha-Show im historischen Kaburenjo-Theater am Kamo. Dass man es hier ernst meint mit der Tradition, wird schon vor dem Eintritt deutlich. Interessierte Paare werden vor dem Anstehen an den Ticketschalter getrennt, nur ein Interessenvertreter pro Reisegesellschaft bittet sich der gestikulierende Anweiser aus. Es folgt ordentliches Anstehen für die Fahrstuhlfahrt in den vierten Stock, wo die als Einstimmung gedachte Teezeremonie stattfinden soll.

Reihenweise sitzt die aus vorherigen Fahrstühlen gequollene zahlende Zuschauerschaft um die Bühne, auf der die Geisha bereits fleißig mit Wasser und Matcha-Besen hantiert. Während das Personal Anwesenden Matcha serviert, ist eine außerordentlich ausladend Geformte bereits laut schmatzend mit dem Verzehr der zum Matcha zu verspeisenden Süßware beschäftigt. Die allgegenwärtigen Koriander sind einen Schritt weiter und wickeln bereits knisternd die Souvenir-Untertassen in Papierservietten. Die Geisha behält die Fassung und zeremoniert in Zeitlupe, während am Kanal die Wasserbauer mit Presslufthämmern aktiv werden. Nachdem die Wandervögel das erste Mal von ihrer grünen Plörre genippt haben, kommt Bewegung in die Bude. „Bitte aufstehen, bitte Weitergehen, die nächste Gruppe steht schon gackernd im Türrahmen.“

Nach dem misslungenen Achtsamkeitserlebnis geht es zur einstündigen Wartezeit in den Saal mit Geisha-Merchandise. Dann, endlich, das Geisha-Theater. Weißgeschminke bewegen sich roboterhaft über die Bühne und quäken ihre Texte für die letzte Reihe. Ein Ball, der aussieht wie ein Hamburger, ist in einen Brunnen gefallen und Holland ist in Not, die Zofen bringen der Kaiserin ihr Kind. Angesichts dieser wirren Theatralik driftet der kulturell ohnehin uninteressierte Wandervogel 2 in einen traumvollen Sekundenschlaf, aus dem er jedoch umgehend wieder hochschreckt. Eine Geisha aus dem Instrumentengraben hat sein Desinteresse ausgemacht und bläst immer dann schrill in ihre Bambusflöte, wenn sich das Kinn des Teutonen auf seine Brust senkt. Schnarch. Flöt. Schnarch. Flöt. Schnarch. Flöt. So geht das Kräftemessen zum Leidwesen aller, bis nach einer Stunde dann der Vorhang fällt.

Durch die Altstadt von Kyoto geht es zum Kijonizu-Tempel, denn wo UNESCO-Weltkulturerbe drauf steht, sind auch die Wandervögel vor Ort. Zu deren Leidwesen aber auch eine gefühlte Trillion Touristen aus aller Herren Länder. Eine Gemeinsamkeit verbindet sie allerdings: Um das authentische Japan besser erleben zu können, hüllen sie sich in traditionelle japanische Gewänder, die Kleinunternehmer am Wegesrand stundenweise vermieten. In der Folge herrscht Kimono-Overkill. Mit dem Strom schwimmend kämpfen sich die Wandervögel den Tempelberg hinauf, vorbei an Unternehmen, die Matcha in allen vorstellbaren Darreichungsformen anbieten. „Wenn es nur grün ist, werden es die Gaijins schon kaufen.“

Am Ziel angekommen, kommt es wie es kommen muss. Damit für Olympia 2020 alles super aussieht, muss es vorher auf Hochglanz poliert werden. Baugerüste und Abdeckplanen sind der ungerechte Lohn des steilen Aufstiegs, wenngleich sich die Schönheit den Bauwerks immerhin sporadisch erahnen lässt. Maulig marschieren die Wandervögel mit strammem Schritt zurück ins Tal. Da die astronomischen kyotischen Preise und das zu weiten Teilen aus Wagyu bestehende Angebot ruinös erscheint, überfallen dis Reisenden kurzerhand einen Supermarkt und machen sich ihr eigenes Essen – frisch und farbenfroh.

Gaijin. Japan 2019: Viel Lärm um Bambus

Die Wandervögel haben genug von den Betonblocks und Neonlichtern der 9,5-Millionen-Metropole und machen sich auf den Weg nach Kyōto, das mit etwa 1,5 Millionen Japanern sicher ländlicher anmutet. Sicher. Doch bevor es in die Stadt geht, steht grün auf dem Programm. Es zieht die Reisenden nach Arashiyama, dessen Bambuswald Weltruf genießt. Vor Ort stellen die Wandervögel allerdings fest, dass tatsächlich die ganze Welt und insbesondere die Koreaner den Bambus-Ruf vernommen haben und ihm gefolgt sind. Der winzige Ort ist voll von Bambus-Touristen und das Angebot entsprechend ausgerichtet. Bambus-Rückenkratzer, Bambus-Kaffeebecher, Bambus-Windräder. Bambus, Bambus und nochmals Bambus – und vor allem Koreaner.

Die Stammleserschaft weiß, die Koreaner sind der Wandervögel Kryptonit. Wo immer Sakralbauten oder beeindruckende Natur Ruhe gebieten, krakeelen die in Horden auftretenden Samsungs mit Trainingsanzügen in beknackten Dauerwellen munter umher. So auch im Bambuswald, der von einer Bahnlinie durchzogen ist. Selbst das extra in Koreanisch und sprachübergreifend auch Piktogrammen dargelegte Verbot hält die Nemesis nicht davon ab, johlend auf den Gleisen zu posieren. Um dem irritierenden Irrsinn zu entfliehen, ziehen sich die Wandervögel hinter eine Bezahlschranke zurück und erkunden das Anwesen des Stummfilmstars Okochi Denjiro.

Emsig schnippeln hier Gärtner auf wackeligen Leitern an Kiefern und Fichten herum, um das Grün in ästhetisch ansprechende Formen zu bringen. Auf Steinwegen mäandern die Wandervögel vorbei an Mooswiesen und idyllischen Bergblicken, um schließlich ihren Tee serviert zu bekommen. Alle Warnungen in den Wind schlagend, nippen sie an dem im Wasser aufgelöstem und aufgeschäumten Grüntee-Pulver. Eine dumme Idee, denn das vermeintliche Super-Getränk Matcha ist der Geschmack gewordene Geruch der Socken von Wandervogel 2. Schlimmer noch: Die küchliche Beigabe, die den Matcha-Geschmack komplementieren soll, stellt sich als Zuckerschock-induzierender Unsinn heraus. Geschmacklich höchst irritiert straucheln die Wandervögel zurück in den Zug.

Zurück in Kyōto wartet die größte Herausforderung des Tages. Wandervogel 1 hat ein Appartement in einem personallosen Komplex gebucht. Tatsächlich gestaltet sich der Check-In an einem iPad als erstaunlich reibungslos und auch die E-Mail mit dem Code für das Öffnen der Appartement-Tür rauscht direkt in den Posteingang. Im Inneren haben die Betreiber es geschafft, auf wenig Raum viel unterzubringen. Vor allem ein vernünftiges Bett für die zerschundenen Knochen. Die einzige Sorge die bleibt, was wenn das Toilettenpapier ausgeht? Eine Rolle macht noch keinen Sommer.