Íngreme. Madeira 2020: Bei Jesus oben ohne

Der Reiseführer lobt den Nonnen-Pferch in den höchsten Tönen. Tatsächlich ist die Vorstellung, dass sich Nonnen einst in einen Talkessel zurückgezogen, um von Piraten ungestört Schnapps zu destillieren, interessant. Allerdings ist der Spaß schon lange vorbei und was blieb und bleibt ist ein idyllischer Talkessel mit einem Kaff voller Ramschbuden – so die Unterstellung von Wandervogel 2. Doch diese Griesgrämerei soll die Wandervögel nicht abhalten, dort vorbeizuschauen. Flugs klemmen sie sich in die Sitze ihrer Nuckelpinne und machen sich auf den Weg. Um Nerven und Kupplung zu schonen entschließt sich die Reiseleitung statt endloser Steilhänge lieber die nervenschonendere Tunnelroute zu nehmen, die allerdings landschaftliche Aspekte komplett außen vor lässt.

Schließlich führt jedoch kein Weg zum Nonnenpferch an den unsäglich steilen Pisten vorbei. Farbe weicht aus den zart gebräunten Gesichtern, Fingernägel krallen sich in Lenkrad und Türverkleidung. In einem unausweichlichen Überholvorgang zeigt sich den Aufwärtsschnecken, was denen blüht, die sich nur einmal verschalten: Klötze hinter den Hinterreifen und Warten auf hochmotorisierten Pannendienst. Nach zahllosen Kurven und unerträglicher Steigung erreichen die Wandervögel die Aussichtsplattform, von der aus der Weg in den Talkessel führen soll. Beim Verlassen des Fahrzeugs erfüllt ein verbrannter Geruch die Luft. Groß ist die Erleichterung, als nicht die zerschlissene Kupplung sondern die mangelnden Kochkünste des Imbissbetreibers sich als ursächlich herausstellen.

Der Blick ins Tal wird schließlich als ausreichend empfunden, sodass die Wanderung flachfällt und der nächste Programmpunkt vorrückt. Vorbei an Einheimischen, die über die Leitplanke gebeugt Brombeeren an der Schnellstraße pflücken, geht es zur Aussichtsplattform von Cabo Girao. Tunnel, Licht, Tunnel, Licht. Den Ausblick in 580 Metern über dem Meer trübt geringfügig, dass die Plattform aus Glasbausteinen besteht, von denen einer bereits einen durchgehenden Riss aufweist. Bevor das Bauwerk in sich zusammenbricht ruft die Reiseleitung zum nächsten Etappenziel. Es geht bergauf und bergab in den Fischerort Camara de Lobos, den der Reiseführer als ‚pittoresk‘ beschreibt. Tatsächlich scheint es das falsche Adjektiv, denn statt ihren Fang feilbietende sonnengegerbte Fischer begrüßen die Wandervögel Bauarbeiter, die in den engen Gassen unüberhörbar ihrem Werk nachgehen. So fasst der grimmige Blick der bronzene Statue des auf die Bucht blickenden Winston Churchill die Atmosphäre dann deutlich besser zusammen. Immerhin entgegnet der Hafen mit seinen bunten Jollen einen freundlichen Abschiedsgruß, als es zum nächsten und letzten Programmpunkt des Tages geht, der Statue von Cristo Rei – zumindest der 14 Meter hohen Miniaturversion.

Noch bevor sie der Sohn Gottes in seine offenen Armen nehmen kann, begrüßt die sich auf die Höhe gequält habenden die fußballerische Inselelite. Ein aufgekratzter Haufen junger Männer – wie auf Madeira üblich in der Freizeit weitgehend ohne Oberbekleidung – führt sich auf wie auf einer Klassenfahrt. Ein schnöseliger Gelkopf mit Einstecktuch bereitet sich derweil auf seine Moderation für das Abendprogramm des örtlichen TV-Senders vor. Seine Crew bereitet gerade die Kamera-Drone vor, um ihn auch dynamisch in Szene setzen zu können. Kurzum: Genau die entspannte Atmosphäre, für die die Reisenden verreist sind. So bleibt es bei einem schnellen Schnappschuss, um den Tagesausklang erneut mit den Serpentinen und Kupplungsgestank zu verbringen.

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