Íngreme. Madeira 2020: Welliger Bettenwechsel

Die Tage an der Südseite der Insel sind vorbei. Die Reiseleitung instruiert zum Sachen packen und verladen, denn die Reisegruppe soll für ein paar Tage in den Norden des Eilands ziehen – natürlich nicht, ohne auf dem Weg dahin alles mehr oder minder Sehenswürdige abzuklappern. Vor den ersten Stop, Ribeira Grande, hat irgendwer allerdings wieder zahllose steile Serpentinen gesetzt. Die Fahrerin macht ihrer Frustration lakonisch mit der Feststellung Luft, dass sie anmerkt, weder im Reiseführer noch in den zahllosen idiotischen YouTube-Videos hätte es irgendwer für notwendig gehalten zu erwähnen, dass die ganze verdammte Insel aus verdammten Serpentinen mit verdammten Steigungen bestünde.

Schon bei der Einfahrt entpuppt sich Ribeira Brava als Mogelpackung, denn der Ort ist weder schneidig noch tapfer. „Maximal eine Stunde“, seufzt die Reiseleitung, während sie die Parkuhr füttert. Der Küstenort ist derart verschlafen, dass sogar die Baumaschinen stillstehen. Die Einheimische kippen sich in den schattigen Straßencafés Kaffee hinter die Binde oder stehen sich in Souvenirläden die Beine in den Bauch. Lustlos schlurfen die Besucher durch die öden Straßen und schauen von der Promenade über schwarzen Sand und Wellenbrecher auf den Atlantik. Der Höhepunkt des Besuchs ist das Besteigen einer Aussichtsplattform über eine Wendeltreppe, wenngleich der Ausblick für die Mühen des Aufstiegs nicht entschädigen vermag.

Als könnte es nicht öder werden, belehrt der nächste Punkt auf der Reiseordnung sie eines Besseren. Schon im Anfahren sieht Ponta do Sol noch öder aus und so knattern die Knatternden kompromisslos daran vorbei. Nicht nur die Gesichter, auch die Tunnel werden immer länger, Sonnenlicht und Meerblick zur Mangelware. Am Ende eines besonders langen Exemplares, als die Sehnsucht nach sonnendurchstrahlter Atlantikluft besonders groß ist und die Weltreisenden angesichts des Lichts am Ende des Tunnels bereits erwartungsvoll ihre Scheiben herunterfahren, tischt Madeira eine kleine Überraschung auf: Sturzregen.

Auf dem nördlichen Teil der Insel ist alles anders und dennoch bleibt alles wie es ist. Anstatt sich in behäbigen Wellen über den schwarzen Sand zu ergießen, krachen die Atlantikmassen hier ungezügelt auf zerklüfteten Stein. Meterhoch schießt die Gischt in den Himmel und klatscht beim Niederfall auf die Küstenstreifen – Wandervogelmobil inklusive. Das Universum bleibt in der Waage, es gibt einen Schrecken und macht dafür eine Fahrzeugwäsche überflüssig. Statt wie mit dem Streuer in die Hänge gesprenkelter orange-roter Häuser, dominiert hier saftiges Grün. Doch auch im Norden pflegt man prä-industrielle Traditionen, wenn die Bauern ihre Kartoffeln in den Serpentinen der Straßen ernten.

Die Anfahrt zur Unterkunft in Porto Moniz führt durch Weinberge. Hoffnungslos untermotorisiert beten die Reisenden schließlich, dass Handbremse und erster Gang die Blechbüchse am Wegrollen und im-Meer- oder -Weinberg-Verschwinden hindern. Die letzten 200 Meter geht es zu Fuß mit Sack und Pack durch meterenge Mauerschluchten, die kein zurück ermöglichen. Für all die Qual entschädigt dann eine Terrasse mit Blick über Bauschrott auf die tosenden Fluten. Um dem Tag schließlich noch etwas Gewinnbringendes abzuringen, stürzen sich die Wandervögel in die örtlichen ‚piscinas naturais‘. Im Bad zwischen tödlicher Brandung und scharfkantigen Lavagestein sollen die anstrengenden Stunden von den Reisenden abfallen. Aufgrund der turbulenten See weht vor Ort jedoch die gelbe Flagge: Tagesausklang im Babybecken.

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