Íngreme. Madeira 2020: Perverses Piepen

Der nächste Tag beginnt, bevor er angefangen hat. Um 23.50 Uhr schüttelt die Reiseleitung den bierselig schnarchenden Wandervogel 2 aus den Federn. „Es hört einfach nicht auf zu piepen!“ Durch diese Aussage geweckt zu werden und sinnvolle Handlungsstrategien zu entwickeln, sind Herausforderungen, denen sich der Weltreisende gerne stellt. Das penetrante Geräusch aus der Küche verfestigt den Eindruck, dass ein handfestes Problem sich eingeladen hat: Der Geschirrspüler macht dergestalt unangenehm auf sich aufmerksam, dass er statt zu spülen das Wasser in die Küche pumpt und die Freude über diese neu gefundene Fähigkeit mit penetranten Pieptönen untermalt. Wie Gott ihn schuf glitscht der Wandervogel durch das Spülwasser, reißt die Sockelleiste ab und versucht mit der Stirnlampe Licht in den Unterbau zu bringen. Stecker raus, Ruhe im Karton.

In Anbetracht der noch immer lecken Kanalisation machen sich die Wandervögel am nächsten morgen entlang der Promenade von Caniço auf die Suche nach einer geeigneten Atlantik-Bademöglichkeit. Diese finden sie im örtlichen Spa, das eine tolle Meerwasser-Badeanlage besitzt, aber auch Lebkuchen-farbene Rentnerinnen und All-Inklusive-Abenteurer anzieht, was die Stimmung etwas dämpft. Doch die Wandervögel lassen sich von der schäbigen Crowd die Spaddelei nicht verderben, legen Maske, Schnorchel und Flossen an und schluppen durch die Anlage, als wollten sie an Bord der San Francisco Maru nach dem Rechten sehen.

Nach dem Frühsport steht Kultur auf dem Programm. Der Regionalmarkt und die Altstadt von Funchal. Ersterer ist so weit fortgeschritten, dass das Reinigungspersonal bereits die abgeräumte Fischabteilung aus Gartenschläuchen reinigt. Lediglich Blumenzwiebel-Händler und Souvenir-Verkäuferinnen harren aus. Wer auf der Suche nach Kork, Korb oder mit Hähnen verzierten Tuchwaren ist, wähnt sich im Paradies, den Wandervögeln entlockt das Angebot eher ein Gähnen. So ziehen die Reisenden durch die demoliert anmutende Altstadt mit ihren vermeintlich kunstvoll gestalteten Türen, wobei sich zeigt, dass das Kunstverständnis hier sehr weit gefasst ist. Über ihren Köpfen verkehrt die Seilbahn, die Bergspitze mit Strand verbindet. Da die Höhen heute im Nebel liegen, sparen sie sich die Fahrt in die Waschküche.

So geht es dann mit einem Umweg über den örtlichen Supermarkt zum Frischfischshopping wieder in die Butze mit Atlantikblick. Das erweist sich angesichts der Steilheit der Nebenstraßen als durchaus anspruchsvolles Unterfangen. Auch der Umstand, dass das Navigationsgerät sich in den zahllosen Tunneln eine Auszeit nimmt, die über das Ansagen von Wegweisungen beim folgenden Kreisverkehr hinausgeht, trägt nicht zum Fahrspaß bei. Zum haben es die Einheimischen weder sonderlich mit der Wegweisung noch mit der Benennung ihrer Straßen. So fällt sich das Navigationsgerät immer wieder selbst ins Wort, weil die Strecke bis zum nächsten Richtungswechsel kürzer ist, als die benötigte Zeit zum Aussprechen des Straßennamens. Kreidebleich und vom Schweiß der sehr begründeten Angst bergab ins Meer zu rollen durchtränkt, schaffen sie es dennoch heil an den Herd.

2 Gedanken zu „Íngreme. Madeira 2020: Perverses Piepen

  1. Was mir beim Lesen des Blogs auffällt, und das nicht zum ersten Mal, ist, dass Text und Bilder nicht harmonieren! Es entstehen in meinem Kopf Bilder, die verifiziert werden wollen: Die Wandervögel beim Trockenlegen der Küche, Lebkuchen-farbene Rentnerinnen und natürlich Wandervogel 1 in seiner Dude-Badehose mit Schnorchel, Taucherbrille und Flossen, wie er sich todesmutig in den Atlantik stürzt. Ich will das ganze Elend auch optisch miterleben, denn ein Bild sagt mehr als tausend Worte!

    • Lieber Börkie, vielen Dank für Deine konstruktive Kritik. Die harmonische Darstellung von Bild und Text in ein Premium-Feature. Vielleicht möchtest Du ein Mitglied der Premium-Reisegruppe werden?

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