Lujasogi. Bayern 2020: Vom Gipfel in die Klamm

Nach einem Abstecher durch Berchtesgaden preschen die Wandervögel in Richtung des Königssees. Ihr spätes Aufstehen rächt sich, denn an Pfingsten haben Krethi, Plethi, Kind und Kegel die gleiche Idee. Entsprechend drängen sich Horden im Abgang zu Fährableger zwischen kitschgefüllten Souvenirläden. Da unter freiem Himmel, erachtet keine der Menschentraube das Tragen einer Maske als eine sinnvolle Maßnahme, schließlich hat das grassierende Virus ja keine Chance gegen die natürlichen Abwehrkräfte und die frische Luft. Abgestoßen von dem Gedränge und der Wartezeit von einer Stunde, beschließt Wandervogel 2 die seeische Hurtigruten-Fahrt auf die lange Bank zu schieben und stattdessen den Blick auf die Deppen vom Jenner aus zu genießen.

Die Zeitwahl der Reisenden könnte nicht besser sein, denn die vergleichsweise schmalen Gondeln im 80er-Jahre Alu-Design wurden 2017 gegen geräumigere Modelle ausgetauscht. Der Pandemie sei Dank, haben die Wandervögel die Kabine für sich alleine und genießen unter Almkuhglockengeläut den Panorama-Aufzug. Die letzten Meter bis zum Gipfelkreuz in 1.874 Metern Höhe werden zu Fuß erledigt. Den entspannten Blick auf das Bergpanorama trüben lediglich die Artgenossen, die sich johlend und ihren Abfall in die Gegend werfend an Orten trollen, die sie ohne technische Hilfe nicht erreicht hätten. Einmal mehr erscheint die Spezies Mensch kaum als eine Bereicherung für den Planeten. Aber auch dieses Problem klärt sich ja absehbar.

Doch für Verzweiflung angesichts der Unvollkommheit Gottes Schöpfung bleibt keine Zeit, denn selbst durch den Verzicht auf die Sardinen-Tour auf dem Königssee ist die Agenda straff getaktet. Ab zur Almbachklamm, wo sich das Wasser in Hunderttausenden von Jahren einen Weg durch das Gestein gefressen hat. Findige Holzfäller nutzten das Strömungsgewässer zum Holztransport und um den Kanal dann sauber zu räumen, errichtete der König eine Staumauer für die große Spülung. All das ist lange her, heute flanieren Wandernde entlang der Klamm und stören sich an Rauschen, Spritzwasser und all den störenden Stämmen im Klamm, die ruhig mal jemand wegräumen könnte. Und kaufen chinesische Marmorkugeln als Andenken.

Überdies haben die das Naturschauspiel betreuenden Bayerischen Staatsforsten sich nach Kräften bemüht, das pädagogische Konzept zu vergurken und Durchstreifenden erst am Ende der Klamm-Wanderung die forstwirtschaftlichen Hintergründe des Areals zu vermitteln – ein wenig spät. Doch darum um Erkenntnisgewinn schert sich ohnehin niemand. Stattdessen nutzen entfesselte Kinder begeistert in den Fels gesprengte Tunnel, um ihre scheinbar völlig überrumpelten, überbehütenden Eltern beim Eintritt bis ins Mark zu erschrecken.

Die nordischen Wanderer arbeiten indes an ihrer linguistischen Performanz, indem sie die einheimische Grußformel, das ‚Servus‘, perfektionieren. Da dies sowohl zur Begrüßung wie zur Verabschiedung verwendet wird, kommt dem ‚Servus’ beim Wandern besondere Bedeutung zu, da man sich vom Gegenverkehr mit sprachlich ökonomischen Mitteln gleichzeitig begrüßen wie auch verabschieden kann. Mit zischendem ‚S‘, A-Umlaut-gleichem ‚er’, weichem ‚v‘ und vernuscheltem ‚us‘ mag sich das anhören, als orderte ein Betrunkener in einer Metzgerei eine Cervelatwurst, aber die so Gegrüßten aus dem Gegenverkehr sprechen durchaus positiv auf die Lautfolge an.

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