Lujasogi. Bayern 2020: Enter the Oberstdorf

Endlich: Das Allgäu. Weil „Urlauber“ den Wandervögeln fortlaufend vom Allgäu vorschwärmten, wählen sie das ‚Urlaubsparadies‘ Oberstdorf als ihre nächste Destination. Eine seltsame Ortschaft, deren Parkplatzdichte – zumindest die, der legitimen Abstellmöglichkeiten für motorisierte Fahrzeuge – zu den geringsten in der Republik zählen dürfte. Genau wie die Lage, denn viel südlicher geht kaum, knapp 1.000 Kilometer von der dänischen Grenze entfernt. Die Heimat in weiter Ferne. So händigt der Herbergsvater – Vermieter dutzender Tinyhouse-Appartements, in denen die Wandervögel gefühlt im Bett kochen, auch eine Ausnahme-Parkgenehmigung für den Kirchplatz aus. Extra für Pendler… mit Kieler Kennzeichen. What could possibly go wrong?

Im Schatten der Berge stellt sich Oberstdorf als eine spießige Hölle heraus. Die Ureinwohner sind fortgezogen und überlassen Tages- und Wochendgästen ihre Behausungen. Als letzte Zeugen alten dörflichen Glanzes behauptet sich eine familiengeführte Fleischerei zwischen Ramschläden, deren feil gebotene Schnorchelausrüstung ihren Weichmacher-Geruch durch die Fußgängerzone verströmt. Immerhin scheint der Ort ein Mekka der Sportbekleidung in gedämpften Farben. Entsprechend schieben sich Silberlocken um die Ecken, getrieben von der Sucht nach Teleskopwanderstock-Schnäppchen. Die Wandervögel flüchten nach vorne in die Natur.

Auf dem Tagesprogramm steht „die tiefste Felsenschlucht Mitteleuropas“. So verkauft die Reiseleitung Wandervogel 2 zumindest die Breitachklamm, die sich als Iller- und Donau-Zufluss damit brüstet, bis in das Schwarze Meer zu führen. Auch hier hat die grassierende Seuche eine Einbahnregelung zur Folge, die auf dem Rückweg in die Berge führt. Latsch, latsch, latsch, fließ, fließ, fließ. Immer wieder Klamm, als würde man in der Heimat versuchen, das Wattenmeer vier Mal als separate Attraktion zu verkaufen. Im Anschluss an das Klamm-Gewander, wittert Wandervogel 1 ihre Chance, endlich, endlich, endlich in einer Alm-Gastronomie ihren authentischen Apfelstrudel zu bekommen. Doch das Bestellte und das was die Convenience-Sklaven in luftiger Höhe als frisch zubereitete Backtradition servieren, liegt dann doch sehr weit auseinander.

Unter dem Gebimmel grasender Wiederkäuer geht es zurück ins Tal. Die Wandervögel kommen zu dem Schluss, dass die Südspitze der Republik außerhalb der Skisaison nichts mehr zu bieten hat und die Selbstbezeichnung der Oberstdorf-Region als „Urlaubsparadies“ so angemessen ist, wie die Ceaușescus als „Menschenfreund“. Aber Reisen ist eben nicht ‚Urlaub machen‘, sondern die Welt verstehen und dazu gehört auch die Erkenntnis, dass irgendwann – spätestens wenn Wandervogel 2 bei der Vorstellung noch eine Klamm durchschreiten zu müssen einen Amoklauf androht, aus Spaß Ernst wird und Bayern durchgespielt ist. Time to say goodbye, Oberstdorf.

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