Lujasogi. Bayern 2020: Irre in der Irre

Wie der letzte Tag endete, beginnt der nächste: Balkon-Brotzeit während GaPa zum Leben erwacht. Noch kauend verladen die Wandervögel ihren Kladderadatsch in das Reisegefährt und machen sich durch den Ort zur nächsten Sehenswürdigkeit. Vorbei an einer liebenswerten Eigenart der Eingeborenen: Der Bauzaun vor dem örtlichen Gymnasium ist geschmückt mit Bettlaken voller elterlicher Glückwünsche an Laura, Anna-Marie & Co., die in bemüht witzigen aber tatsächlich unbeholfen peinlichen Botschaften den Nachwuchs auf den letzten Metern ihrer schulischen Karriere motivieren sollen. Geringfügig interessanter, aber nicht minder unbehaglich ist der sommerliche Anblick der Skisprungschanze, wobei vor allem das verfallende Nazi-Stadion – neben dem ausbleibenden Schnee – den Eindruck schmälert.

Doch statt hoch hinaus, zieht es die Wandervögel tief hinab. Wandervogel 1 hat die Partnachklamm auf die Agenda gehoben, der sei mit 700 Metern auch ‚schön kurz‘. Ist die Kürze der Klamm unbestreitbar, sorgen unerklärte Maßnahmen dafür, dass die Sehenswürdigkeit nicht angefahren werden darf. So quetscht sich ein Gewaltmarsch auf Asphalt in das Programm. Pandemie-bedingt wird das Naturwunder zur Einbahnstraße. Für den Rückweg dürfen die Gäste sich einen der zahlreichen Wanderwege aussuchen. Allerdings ist sogar das Tierheim besser ausgeschildert als der Weg zurück zum Parkplatz. Im Angesicht von Wochenend-Vätern, die ihren Nachwuchs dazu animieren im Klammbett Zen-Pyramiden aus Flitsch-Steinen zu errichten, um Kleinstlebewesen ihrer Biotope zu berauben, entscheidet Wandervogel 1 über den Rückweg. Eine folgenschwere Entscheidung.

So geht es durch den Wald, den Berg hinauf, den Berg hinunter – zumindest was für die Flachland-Stämmigen so Berge sind. Das Wasser wird knapp und knapper und auch die Brotzeit aus geschälten Möhren und Weintrauben verringert sich in ihren Umfang, dass bald der Boden der Brotdose sichtbar wird. Doch kurz vor dem Verhungern beflügelt ein Wegweiser die Gemüter, der in der Nähe die ‚Eiserne Brücke‘ ausweist. Da die Wandervögel ‚Brücke‘ mit ‚Zivilisation‘ konnotieren‚ entscheiden sie sich den entsprechenden Weg einzuschlagen. Nur um nach einigen Kilometern festzustellen, dass die bescheuerte Brücke quer über die Klamm führt und sie dem rettenden Ausgang keinen Zentimeter näher gebracht hat. Im Gegenteil.

Weitere Hoffnung schöpfen sie, als ihnen Menschen begegnen. Die Hoffnung verfliegt, als die Menschen die Wandervögel nach dem Weg fragen. Immerhin haben die Menschen keine langen Bärte und wirken nicht unterernährt, sodass die Wandervögel die Hoffnung auf die Zivilisation im Herzen aufrecht erhalten. Unverhofft erscheint aus dem Nichts eine weitere Wegweisung, die auf eine Seilbahn hindeutet. Mehr Zivilisation geht nun wirklich nicht. Das Meisterwerk der Ingenieurskunst befindet sich hinter dem abgelegensten Wellness-Hotel der Republik. Doch der Jubel über das Erreichen der vermeintlichen Rettung bleibt den Wanderern in der Kehle stecken. Eine ansehnliche Menschentraube hat sich vor der Einlassstelle gebildet und die Graseckbahn rühmt sich damit, die „älteste Kleinkabinenbahn der Welt“ zu sein. Im Klartext bedeutet das, dass das Gefährt bei zwei Personen ihr Limit erreicht, sodass die Wandervögel sich eine gute Stunde grummelnd die Beine in den Bauch stehen, bis sie an der Reihe sind.

Zum Lohn für ihre Qual gönnen sich die Wandervögel zurück am Ausgangsort eine Fahrt mit der Sommerrodelbahn. Die Jahrmarktsattraktion wird, ob der maximalen Zuladung von 100 kg einzeln besetzt. Der Rodel mit Fahrgast schraubt sich mit schneckenhafter Geschwindigkeit über eine Schnecke in beachtliche Höhe, nur um Gefährt nebst Fahrer dann in den Tod (hier: die Bahn) zu entlassen. Trotz aller Lebensverachtung schafft es der vorfahrende Wandervogel 2 nicht, sich selbst samt Rodel aus der Bahn zu schießen und so kommen die Rodelnden schließlich, mit in den Nacken gedrückten Gesichtszügen, wenig später am Ende der Piste an. Das Ende der Piste soll dann auch das Ende von GaPa sein, Wandervogel 1 klemmt sich hinter das Lenkrad und setzt den Kurs nach Oberstdorf.

Auf dem Weg zur Destination ist ein kleiner Umweg geplant. Da Wandervogel 2 massiv mit fadenscheinigen Argumenten gegen den Besuch des verkitschten Märchenschlosses von Ludwig II protestiert, gibt die Reiseleitung um den lieben Friedens Willen nach – besteht jedoch auf einem drive-by-shooting. Doch die Naturgewalten sind gegen das Vorhaben, denn sintflutartige Regenfälle ergießen sich und hüllen Neuschwanstein in dunkle Schleier. Auch alle Versuche zum Foto-Spot der Wahl, der Marienbrücke vorzudringen, scheitern, sodass die Reisenden schließlich das Schloss Schloss sein lassen und davon brausen. Ob des weiteren Fahrtweges gibt es kurz Unstimmigkeiten, weil sich die zweiköpfige Reisegruppe nicht darauf verständigen kann, ob sie über Oberammergau oder über Unterammergau fahren soll. Tatsächlich entscheidet schließlich die Vernunft und sie nehmen den kürzesten Weg während sie den schmalzigen Klängen des Ludwig-Musicals lauschen.

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