Lujasogi. Bayern 2020: Auf der Asia-Alm gibt‘s a Massage

Eine Nacht im Beton-Bunker später und der Hunger treibt die Wandervögel aus den viel zu weichen Betten. Die Herberge hat nichts zu bieten und so geht es in die Altstadt. Doch im Frühstück-Verständnis offenbaren sich kulturelle Unterschiede zwischen Norddeutschen und Franken. Würden sich erstere schon mit Kaffee, Ei und Käsebrot zufrieden geben, setzen letztere auf Knödel, Rotkraut und Schweinsbraten. Während Wandervogel 2 darbt, gönnt sich Wandervogel 1 ein mehrstöckiges Frühstückseis. Eine tückische Entscheidung, denn das einzig annehmbare Frühstücks-Etablissement des Ortes verwehrt den Hungrigen mit und wegen des Eises die Bedienung. Dann eben nicht! Ihren eigenen Prinzipien die Treue haltend, schlurfen sie von dannen und erkunden den Ort.

Der erweist sich als hochgradig hutzelig. Die Vorgärten der Wohnbebauung entlang des Regnitz-Ufers ragen als Klein-Venedig der ehemaligen Fischersiedlung ins Wasser und durch übermäßige Energie beflügelte Kanuten schlängeln sich durch die angestauten Fluten des Flüsschens. Idyllisch mit großem I, viertürmiger Dom, völlig überteuerte Regnitz-Rundfahrt – aber eben kein Frühstück, so dass die Wandervögel sich in ihr Fahrzeug begeben und weiter nach Süden preschen. Auf Wiedersehen Franken, willkommen in Oberbayern.

Entgegen der Warnungen, Pfingsten würde auf den Autobahnen für Chaos sorgen, geht es geschmeidig über den Asphalt. Vorüber fliegen Chiemsee und München, ehe sich am Horizont die echten Berge zeigen. „Schönau am Königssee grüßt die Wandervögel“ steht zwar nicht am Ortseingang, dafür hängen vielendrige Geweihe an Hauswänden und Menschen legen mehr Wert auf die Familienzugehörigkeit, denn das selbst. Hier heißt man „Huber Alois“ und „Achleitner Sepp“, ist gottesfürchtig und sparsam, selbst wenn günstige Kommata sich gehörten. Kirchenglocken sind die Bassline des Soundtrack Niederbayerns, Kuhglocken-Geläut punktiert die Noten.

Inmitten all diesen Idylls, abseits der sogenannten Zivilisation, steht die Unterkunft der Wandervögel: eine labyrinthische Bettenburg im Almhausstil. Durch Abwesenheit von Personal gestaltet sich der Check-In als unmöglich, bis schließlich eine betrachtete und bemaskte Frau herbei eilt und die Ankommenden begrüßt. Das geschieht zur großen Verwunderung in Bayerisch mit thailändischem Akzent und diesem ersten Indiz auf eine Asia-Unterwanderung des Freistaats sollen weitere folgen: Massagesessel mit chinesischen Schriftzeichen, aus Asien importierte Matratzen und thailändisches Service-Personal das seinen Nachwuchs in Mini-Dirndls verkleidet, um mit diesen das Bildungssystem zu infiltrieren.

Doch aufgrund ihrer langjährigen amicablen Asia-Connection zeigen sich die verkappten Invasoren den Wandervögeln gegenüber freundlich. Auf Anfrage servieren sie ihnen Haxn, Käsespätzle und Kaiserschmarrn, die jedoch allesamt stark gegen Bamberg Culinaire abfallen. Doch die Wanderer lassen sich nichts anmerken, so lange sie sich kostenlos in den Panasonic-Massagestühlen durchwalken lassen dürfen. Mit einem ambivalenten Sättigungsgefühl ziehen sie sich in ihr Zimmer voller Sperrholz-Antiquitäten zurück, um sich auf das nächste Abenteuer vorzubereiten – denn unüberhörbar ruft immerfort der Berg.

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