Atlantisch. Azoren 2019: Schweigsame Schwefelei

Der Tag im Vier-Sterne-Hotel beginnt so furchtbar wie der letzte endete: Zwischen mehreren Händen voll schrumpeligen Mumien versuchen sich die Wandervögel erfolglos daran, die Rosinen aus dem Frühstücksbuffet zu picken. Um die Tristesse zu quadrieren spielt der Hotel-DJ eine soulige Easy-Listening-Version von „Losing my Religion“. Die Wandervögel fallen vom Restglauben ab und flüchten aus der Pyramide von Geh-Biss. Mit laufendem Motor erwartet sie der namenlose Fahrer im Opel-Mercedes und braust Rollsplitt spritzend über die Hauptstraße davon.

Wie es sich für einen guten Fahrer gehört, ist der Chauffeur der Wandervögel grabesstill, während er das Schiff aus Rüsselsheimer Manufaktur durch die Serpentinen steuert. Allenfalls ein kehliges „Ga“ entfährt seinen, von einem prächtigem Schnauzer, überschatteten Lippen, wenn er die Wandervögel auf eine Sehenswürdigkeit hinweist. Oddjob wäre stolz. Nacheinander geht es zu den drei Sehenswürdigkeiten der Insel. Der erste Stop sind die Furnas do Enxofre eine dampfende Landschaft, in der aus Heidekraut vulkanische Rauchschwaden aufsteigen. Weihnachten für Geologen – die Wandervögel sind ähnlich aufgeregt wie an Fronleichnam, aber sie marschieren die Parcours brav ab.

Anschließend verklappt der Fahrer die Reisenden unter die Erde, damit diese die unspektakulären Lavatunnel von der Gruta do Natal inspizieren können. Höhepunkt ist der Zwang zu Haarnetz und Helm; tatsächlich rennt der, Bob dem Baumeister zum Verwechseln ähnlich sehende, Wandervogel 2 gegen so viele Stalaktiten, dass er ohne die Hartschale seinen wohlgeformten Dickschädel mehrfach eingedellt hätte. Tatsächlich erweist sich die dritte Attraktion, ein begehbarer Vulkan mit See (Algar do Carvao) als Volltreffer – dummerweise stören die dumm daher quatschenden aus Bussen ausgekippten Touristenhorden das erhabene Erlebnis, viele hunderte Meter unter der Erde eingeschlossen zu sein.

Eine weitere Insel ist durchgespielt und die Mägen der Reisenden knurren um Aufmerksamkeit. Doch sie haben die Rechnung ohne die Wirte gemacht, die einen geruhsamen Start in den Abend bevorzugen. So schleichen die Reisenden auf den letzten Löchern pfeifend von Restaurant-Empfehlung zu Restaurant-Empfehlung, um abwechselnd vor „Außer Betrieb“- oder „Gerne in zwei Stunden wiederkommen“-Schildern zu stehen. Als es schließlich an der Zeit ist – vor dem Restaurant der Wahl hat sich eine hibbelige Menschentraube gebildet – sorgt Wandervogel 1 mit linguistischer Expertise für Ernüchterung: „Heute Ruhetag“ entziffert sie eine kleine handschriftliche Notiz unter der Karte. Die aufgekratzen Touristen ihrem gewissen Schicksal überlassend, verabschieden sich die Wandervögel in Richtung der Käsespezialitäten.

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