Atlantisch. Azoren 2019: Würste im Wildwasser

Wandervogel 1 erscheint beim Aktionspotenzial der Reise noch Luft nach oben. Daher plant sie eine Aktivität, was üblicherweise zumindest geschundene Körper und bisweilen auch seelische Schädigungen zur Folge hat – keinesfalls intendiert, doch scheinbar stets unvermeidbar. So geht es im nebligen Morgengrauen über die Insel zum Canyoning. Gemeinsam mit Tick (a.k.a. John), Trick (a.k.a. Tyler) und Track (Name vergessen) aus dem Umland von San Francisco wollen sich die Wandervögel durch rauschendes Wasser kämpfen, Klippen hinab stürzen und an Steilwänden abseilen. Was soll da schon schief gehen.

Die erste große Hürde ist das Anlegen der vielteiligen Neopren-Ausrüstung. Unter Ächzen und mit viel Gehopse legen die Wandervögel Schicht um Schicht an, bis sie in ihrer vollen mehrschichtigen Pracht aussehen wie behelmte Brühwürste. Derweil schwärmt vor allem Trick über Deutschland. Aus Erzählungen aus dieser fantastischen Welt sind ihm ganz besonders die Döner in Erinnerung geblieben, dem Vernehmen nach das beste Essen das Europa zu bieten hat. Die Wandervögel lassen ihn in seinem Glauben, dass sich ihm bei seinem ersten Berlin-Besuch eine völlig neue kulinarische Welt eröffnen wird. „Alle Würste in den Bus“, verkündet der Truppenführer und es geht in den Dschungel.

Im Gänsemarsch geht es entlang des reißenden Urwaldstroms. Rutschige Steine, Stromschnelle, den Weg versperrende Vegetation – die Wandervögel sind in ihrem Element. Natürlich schafft es Wandervogel 2 beim übermütigen Abseilen abzurutschen und ungraziös gegen den Fels zu krachen, aber abgesehen von diesen Faux Pas bleibt die Klettertour durch den Buschfluß frei von Unfällen. Höhepunkt des Abenteuers ist zweifelsfrei der todesverachtende Klippensprung von Wandervogel 1. Tiefpunkt, die dem Sprung vorausgehende einminütige Bedenkzeit, die sich die Reiseleitung mit den Zehen über dem Abgrund ausbittet, bis sie sich ein Herz fasst und zehn Meter in die Tiefe plumpsen.

Die Freude am Plumpsen führt die Wandervögel im Anschluss an das naßkalte Abenteuer noch einmal in das Naturbad. Vorgeblich. Tatsächlich hängt ihnen der Magen in den Knien, der Burger mit allem und Pommes vom Strandpavillon soll es richten. Groß ist die Irritation, als die Speise ankommt – unverhofft sind Augenwurst und Spiegelei inkludiert und unteilbar mit den restlichen Zutaten verschmolzen. So gestärkt machen sich die Wandervögel quer über die Insel in ihren Heimatort, um ihn genauer zu erkunden.

Abseits der immerhin zweispurigen Kopfsteinpflaster-Hauptstraße wartet Fajã Grande mit erschreckend vielen Bauruinen auf. Stumme Zeugen der gescheiterten Versuche die Insel touristisch zu attraktiveren. Beim Kreisen durch die engen Gassen erleben die Wandervögel schließlich den wahren Grund, warum es mit dem Tourismus-Boom auf Flores nicht klappen will. Eine sich stetig verengende Gasse ist schließlich so schmal, dass das von der Reiseleitung gesteuerte Vehikel nicht mehr passieren kann. Was folgt geht in die Dorfannalen ein: Eine Viertelstunde lang zirkelt und schraubt Wandervogel 1 – die gut gemeinten aber pantomimisch zu laienhaft umgesetzten Einweisungen von Wandervogel 2 ignorierend – den Kleinwagen schließlich in eine schier unmögliche Position, nur um aus dieser in zwei Zügen rückwärtsfahrend zu entkommen. Anerkennendes Nicken der Zuschauer als metaphorischer Szenenapplaus.

Der zweite Hemmschuh, der den touristischen Durchbruch des Ortes zur Stolperpartie verkommen lässt, ist unebene Gastronomielandschaft. Mit prallen Portemonnaies marschieren die Wandervögel an die Promenade, wo eines der beiden Restaurant es vorzieht Interessierte am Sonntag hungern zu lassen, das andere derart überfüllt ist, dass die Wandervögel abgewiesenen werden. Tick, Trick und Track winken zum Abschied vom Dreiertisch, stopfen sich die Ecken des Tischtuchs in die Kragen und machen sich daran, die maritimen Schlachtplatten zu verputzen. Dann eben Käsebrot, wenn die Ameisen was übrig gelassen haben.

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