Atlantisch. Azoren 2019: Das knallrote Gummiboot

Als bekennenden Walfreundin ist die Beobachtung ihrer Lieblingstiere eine Herzensangelegenheit für Wandervogel 1, die sie bei jeder sich bietenden Gelegenheit erledigt. In Hortas Hafen buhlen zahlreiche Unternehmungen um walfreundliche Gäste, die Auswahl fällt schließlich auf das Dienstleistungsimperium von Peter, der eigentlich ganz anders heißt, aber mit Bar, Fahrradverleih und eigenem Merchandise-Shop den Ort fest im wirtschaftlichen Griff hat. Zum Verdruss der Wandervögel hat Peter sein in Flyern beworbenes Walbeobachtungsschiff mit Sonnendach, Auslauf und Toilette ins Trockendock hieven lassen. Statt dessen im Angebot sind Plätze auf einem potent motorisierten roten Gummiboot. Wer den Wal will, hat die Qual.

Doch bis der aufgeblasene Seelenverkäufer ablegt, ist noch Zeit. Die Wartevögel entschließen sich, diese in Peters „Café Sport“ abzusitzen. Dessen Wände sind voll von Wimpeln und Flaggen, mutmaßlich Geschenke von Seglern, denen Peter aus der Patsche geholfen hat. Um sich auf die Wellen vorzubereiten, spülen die Reisenden ihre Reisetabletten mit Bier herunter und verkosten den lokalen Hamburger – eine absurde Konstruktion ohne Brötchen aber mit Spiegelei. Mampf Mampf Mampf stehen die Wandervögel mit Fleischresten in den Mundwinkel in Peters Wal-Büro, das gerade von einer vermeintlichen Meeresbiologin gefeudelt wird. „You are early! I am still cleaning up.“ „Yes“ entgegnet Wandervogel 1, „German time!“ „Not Portugese time“, weiß die studierte Reinemachefrau zu entgegnen. Als hätten die Wandervögel noch nicht verstanden, dass die Uhren im Atlantik anders blubbern.

Zum Briefing stellt sich heraus, wie wieselschlau Peter ist, schickt er die Kundschaft in die Arme eines Subunternehmers – kein Geringerer als Norberto ‚Seewolf’ Serpa. Der wiederum ist auch mit allen Wassern gewaschen und bedient sich zur Kostenminimierung Dahergelaufenen als Personal. Die vermeintliche Meeresbiologin kichert sich durch die Vorstellung der Meeressäuger, deren englische Namen sie zwar nicht kennt, aber zu lernen gelobt. Zu ihrer großen Freude ist eine Landsfrau unter den Walinteressierten, so dass sie fortan alle sprachlichen Ambitionen fahren lässt. Mehr noch entwickelt sich zwischen den beiden eine für den Rest der Gruppe enervierende Frauenfreundschaft, geprägt von ausufernden Quasseleien, während der Rest in Ölzeug konzentriert auf die Wellen starrt.

Starren hilft lange nichts. Das Gummiboot schranzt über die Wellen, der Seewolf schaut verbissen in die Ferne. Blau, Blau, zugiges Blau untermalt von hirnlosem Rezeptaustausch unter neuen besten Freundinnen und dem monotonen Geröhre des Gummibootmotors. Als eine Delfinfamilie den Pfad kreuzt, bricht an Bord der Wahnsinn aus. Allerdings ein unbeständiges Ereignis. Es folgt: Warten auf Wale. Bevor das Personal mit auf den Rücken geschnallten Flossen aktiviert werden muss, bequemen sich die Ozeanriesen dann doch noch. Eine Pottwal-Familie dümpelt vor sich hin und bereitet sich auf einen Tauchgang vor. Doch außer fernen Fontänen und schemenhaft erkennbarer Rückenflossen ist wenig. Das sieht dann auch der Seewolf ein und kachelt mit der Gummilippe zurück zum Eiland. Da er wohl das Essen auf dem Herd hat stehen lassen, drückt er den Gashebel nach ganz oben – eine durchpustete Dreiviertelstunde später torkelt die Besatzung an Land. Mit wenig Wal und irritierten Nebenhöhlen.

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