Atlantisch. Azoren 2019: Surfen im Wunderland

Der letzte Tag im Atlantik beginnt mit Gebimmel. Weil seine Tröte defekt ist, bimmelt der Brötchen-Knabe die Menschen aus den Betten. BimmelBimmelBimmel. BIMMELBIMMELBIMMEL. Alle sollen erfahren, dass er frische Teigwaren ausliefert. Alle! Auch die, die kein Interesse an frischen Teigwaren haben und lieber schlafen möchten. So raffen sich die Wandervögel auf, spachteln sich eine Käsebrötchen-Grundlage in die Mägen und fahren zum Strand, wo die Surflehrerin wartet. Erneut verwandeln sich die Reisenden in Neoprenwürste, die Gruppe wird komplettiert durch ein paar Last-Minute-Französinnen. Eine der beiden macht dabei einen unglücklichen Eindruck. Tatsächlich hatte sie den Tag anders geplant: Sie wollte ans Wasser und nicht ins Wasser – ein Buchstabe, viel Unbill.

Ambitioniert gehen zwei Drittel an die Trockenübungen und durchpflügen den Sand, während Le petit Sauertopf aus Angst um ihre Nägel auf die gewissenhafte Vorbereitung verzichtet. In den Wellen dann ereignet sich das Absehbare: Während die Wandervögel alsbald für eine Teilnahme an den Synchronsurf-Meisterschaften qualifiziert erscheinen, zeichnet sich im französischen Team ein Kompetenzgefälle ab. Während die Ambitionierte viel Zeit über dem Wasser verbringt, schimpft sich die Teamkollegin über die Unzulänglichkeiten von Ausrüstung und Ozean. Schuld sind eben immer die anderen.

Um den Körpern den Rest zu geben, steht für den Nachmittag eine Wanderung auf dem Programm. Vom Namen „Janela do Inferno“ lassen sich die Wandervögel nicht abschrecken und ignorieren auch geflissentlich die Ratschläge eine Taschenlampe mitzuführen, sich die Notrufnummer zu notieren und andere davon in Kenntnis zu setzen, dass sie sich auf den Weg machen. Die letzte Warnung gibt es auf einer der zahlreichen Kuhwiesen, auf denen Wandervogel 2 mit seinen Sandalen in einen noch warmen Haufen viehischen Exkrements tritt. Als Folge des anschließenden Veitstanzes sind die Fäkalien weiträumig versprenkelt und die Oberbekleidung des Tänzers mit einem neuen Motiv versehen.

Der Grund für die Anregung einer Taschenlampenmitnahme zeigt sich nach einer Dreiviertelstunde Kuhweiden: Ein finsterer niedriger Tunnel in dessen Dunkelheit sich Kuhdung-Boy mit tastender Begeisterung stürzt. Die Reiseleitung folgt, sich an der Duftspur orientierend. Am anderen Ende erwartet die beiden eine andere Welt. In den Himmel ragende Bäume und tropische Vegetation, verfallene Aquädukte und schließlich auch das namengebende durch Erosion entstandene Fenster zur Hölle, aus dem sich Wasser in die Tiefe ergießt. Staunend inspizieren die Wandervögel die feuchte, saftig grüne Lost-Kulisse, die schließlich in einem weiteren Tunnel endet.

Im Entengang bahnen sich die Hockenden einen Weg durch die Düsternis, der aus dem Wunderland zurück in die Welt der Kühe und auf den Weiden ratternden mobilen Melkmaschinen führt. Nur wenige Reisende scheinen diesen Weg zu nehmen, der in einem Kuhdorf endet. Hier lehnen die Bauern rauchend an ihren Traktoren, während die Bäuerinnen die Wäsche auf die Leinen hängen. Wandervogel 2 blickt lüstern auf die reine in der Brise wehende Oberbekleidung. Lüsterner noch der Blick des Ortsvorstehers, der frei von Oberbekleidung in seinem Hauseingang lehnt und seinen behaarten Bauch streichelnd gierig auf die Reiseleitung blickt. Als er beginnt geil seine zerfurchten Lippen zu lecken und mit einem Auge zu blinzeln beginnt, ist den Wandervögeln klar, dass es an der Zeit ist zu gehen.

Um sich am nächsten Morgen nicht allzu weit zum Abflughafen quälen zu müssen, schlagen die Wandervögel ihr letztes Nachlager erneut in Ponta Delgada auf – nicht ohne sich zuvor im örtlichen Mega-Continente mit ordentlich azoreanischem Käse einzudecken. Zum großen Entsetzen der Reisenden sind Landspersonen in der Unterkunft abgestiegen. Größer noch das Entsetzen, als die Deutschen versuchen Reisenden aus den Vereinigten Staaten, den weltberühmten deutschen Humor nahezubringen. Leider verstehen die Amerikaner so ganz und gar nicht, was die Wortkombinationen „suggestion hammer“ und „shit wing“ bedeuten sollen – selbst als die Spaßvögel wortreich und unter Lachtränen erklären, dass sie „Vorschlaghammer“ und „Kotflügel“ meinen. Kopfschüttelnd vor Fassungslosigkeit widmen sich die Wandervögel ihren letzten Käsebroten. Goodbye Azores – es war hart, aber schön.

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