Atlantisch. Azoren 2019: Verwanzt und geschunden

Kurz vor Mitternacht macht das geräumige Zimmer im siebten Stock einen annehmbaren Eindruck. Erst nach dem Aufstehen bemerken die Reisenden, dass sie die letzen Stunden nicht ganz so allein verbrachten, wie erwartet. Bettwanzen täuschend ähnliche Krabbeltiere tummeln sich um kurz vor fünf auf den zurückgeschlagenen Decken. Reflexartig setzt heftigstes Ganzkörperjucken ein. Wandervogel 1 recherchiert die illegalen Untermieter und den breiten Strauß der quasi-tödlichen Krankheiten, die sie potenziell übertragen. Ganz zu schweigen von der Möglichkeit, dass sich die Parasiten unbemerkt durch den Gehörgang in das Gehirn vorgearbeitet haben.

Vor dem Morgengrauen geht es zurück zum Flughafen, wo die Wandervögel binnen einer Minute die Verpflegungsgutscheine vom Vortag verprassen – indem sie sich zwei belegte Brötchen und ein Heißgetränk bestellen. Da portugiesische Piloten ein ganz eigenes Verständnis von Arbeit haben und sicher auch höhere Gewalt im Spiel ist, vertreiben sich die Wandervögel noch viel Zeit, bis die Maschine nach Ponta Delgada dann endlich abhebt und die Anreise endlich beendet ist.

Die Hauptstadt der Azoren präsentiert sich den Wandervögeln als ein verschlafenes Hafennest mit Anfällen von touristischem Größenwahn. Allen voran die Bettenburg, in der die Wandervögel ihr Basislager aufschlagen und sich im Speisesaal durch das Buffet schnäbeln. Bei der Inspektion des Ortes erweist sich der außergewöhnlich hohe Grad der Verschlafenheit als bemerkenswert. Mit deduktiver Logik ermitteln die Wandervögel schließlich die Ursache: Sonntag in der EU = alles zu. Vorbei an Festungsanlagen und über aufwändig gelegtes Mosaikpflaster führt der Weg schließlich zur Tränke vor der Kathedrale, wo sich eine handvoll verirrter Touristen mit einem Mittagsbier runterkühlt. Die Wandervögel tun es den anderen Ortsfremden gleich und schrauben sich in der Mittagssonne ein Entspannungspils in die Krone.

Das soziale Zentrum des Ortes ist ein Betonpodest, auf dem sich Einheimische sonnen, wie die Seelöwen auf Pier 39. Die Wandervögel zieht die Möglichkeit in den Atlantik zu springen an und sie mischen sich unter das Volk. Für den ersten Kontakt mit dem Atlantik macht Wandervogel 2 eine Steintreppe aus. Da die tippelnden, das kalte Wasser fürchtenden Muttis das Geländer blockierenden, entschließt er sich, Geländer Geländer sein zu lassen und auf seine natürliche Balancefähigkeit zu vertrauen. Das Vertrauen wird enttäuscht.

Der glitschig-grüne Bewuchs der Steintreppe widersetzt sich dem forschen Schritt des badefreudigen Weltenbummlers und dreht dessen Schwerpunkt auf halb sieben. Mit den Armen rudernd und vergeblich in der Luft nach Halt suchend, folgt er dem Ruf der Schwerkraft. Wandervogel 2 beschließt aus Gründen der Männlichkeit auf einen spitzen Schrei zu verzichten und sein Schicksal anzunehmen. Hart schlägt er mit dem Steiß auf den Stein. Die vergeblich zu stützen versuchenden Handgelenke reißen auf und weil Treppen nun mal Treppen sind, geben auch die Ellenbogen bereitwillig von ihrer Epidermis ab. So geht es Stufe für Stufe hinab in den Ozean. Das Wasser färbt sich rot. Stille.

Einer Ewigkeit gleichende Sekunden später schießt der vielfach aufgerissene Körper von Wandervogel 2 aus den Wellen hervor. Er schraubt sich in die Höhe und taucht, einem Delfin gleich, erneut in die Fluten. Bei seinem erneuten Auftauchen richtet er seinen Blick zurück zum Ufer. Er fällt auf offen stehende Münder, weit aufgerissene Augen und den fragenden Blick der Rettungsschwimmer. Seine Hand wandert nach oben, er streckt den Daumen in die Höhe und taucht ab. Geschunden aber nicht gebrochen. Dem sorgenvollen Wandervogel 1 ist der Vorfall eher unangenehm. Am Ende der Planscherei besteht der Bademeister darauf, die offenen Wunden mit Jod zu versorgen und händigt dem Geschundenen seine beim Manöver abhanden gekommene Armbanduhr aus, die ein einheimisches Kind aus den Fluten barg.

Auf dem Weg zu einer dringend benötigten Stärkung staunen die Wandervögel über den Innovationsgrad des scheinbar hinterwäldlerischen Ortes. Wie in niederländischen Metropolen bieten Automaten diverse Hamburger-Varianten an, daneben Süßigkeiten, Kondome und aufblasbare Sexpuppen (16 Euro). Aus salzverkrusteten Schaufenstern blicken Bärchen-Souvenirs mit Azoren-Leibchen und androgyne Schaufensterpuppen auf die Flanierenden. Die zieht es schließlich in eine Keller-Kaschemme mit der Option, sich die maritimen Objekte der appetitlichen Begierde auszusuchen, bevor diese auf den Grill wandern. Aber warum sollte am Ende alles gut werden? Als die Wandervögel wohlgenährt aus dem Keller stolpern, hat sich die Sonne verzogen und stürmischer Nieselregen eingestellt. So endet der erste Urlaubstag zerschunden und durchnäßt – Wandervogel-Style.

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