Íngreme. Madeira 2020: Aufbruch ins Ungewisse

Während sich die Morgensonne noch mühselig über die Förde quält und ihre ersten Strahlen über den Norwegenkai in das Herz der Stadt sendet, sind die Wandervögel längst gewaschen, gescheitelt und schwer bepackt. Der Ruf des Abenteuers hat sie zu unsäglicher Zeit aus dem Schlaf der Gerechten gerissen und so stehen sie nun am bussernen Flughafen-Zubringer. Von den Mitreisenden heben sie sich unter anderem durch ihre strategische Abgekochtheit ab, die sie wie ein feiner Streif umschmeichelt. Manifest in Form zweier Negativer Corona-Tests in ihren Brustbeuteln – damit sie bei der Ankunft nicht wie Vieh in Wartehallen gepfercht und anschließend in Selbstisolation auf das Ergebnis warten müssten. Stichwort: nonchalant im Atlantik spaddeln, während andere in ihren Bettenburgenzimmern noch auf Ergebnisse warten. Natürlich wird alles anders kommen.

Wider Erwarten ist am Helmut-Schmidt-Flughafen großes Hallo. In engen Schlangen stehen sich Reiselustige mit illustrer und schräg anliegender Gesichtsbekleidung – beeindruckend: ein Mitreisender, der mit korrekt aufgesetzter Gesichtsbedeckung tief in der Nase bohrt – in engen Schlangen die Beine in den Bauch. Aber warum auch nicht, ist ja Wochenende, kann man ja mal wegfliegen. Aufgrund idiotischer Menschenführung sorgen die Flughafenbetreiber vor der Leibesvisite noch mal für ordentlich Verdichtung, bevor die Reisenden schließlich in einer abgelegenen Ecke ihre Käsebrötchen mümmeln können. Es folgt ein stilloser Flug dessen Höhepunkt die Landung auf Europas anspruchsvollstem Runway ist. Pointe vorab: Die Fallwinde machen Pause, niemand verendet im Meer. Hallo Blumeninsel, die Wandervögel entern Madeira.

Freudig recken die Wandervögel dem Personal ihre Mobiltelefone mit strahlenden Barcodes entgegen. Scannt sie, um von ihrer zertifizierten Reinheit zu erfahren. Macht das Personal dann auch, um sie umgehend am zu testenden Pauschalreise-Vieh vorbei an die frische Luft zu schicken. Dort lässt dann allerdings der Shuttle-Service des Mietwagenunternehmens derart lange auf sich warten, dass die Reisenden mitansehen müssen, wie auch die letzte humpelnde Pauschalreise-Oma nach ihrem Vor-Ort-Test zum Abschied winkend im klimatisierten Reisebus Richtung Bettenburg davon fährt. Aber irgendwann am späten Nachmittag nehmen die Wandervögel dann – nach dem unsäglichen Versuch ihnen eine zweite Vollkasko-Versicherung aufzuschwatzen – in einer Tiefgarage den Schlüssel für einen weißen Fiat Punto entgegen.

Eine tückische Fahrzeugwahl, wie sich bereits beim Verlassen des Parkhauses herausstellt. Per Dekret eines irren Regenten gibt es auf der Insel keine plane Straße. Im Gegenteil ist jeder Fleck Asphalt mit derart perverser Steigung versehen, dass Wandervogel 2 sich sehnsüchtig nach dem Landrover Defender umblickt, während er sich in der Türverkleidung der untermotorisierten Nuckelpinne festkrallt. So geht es, mit einem Stop im nächsten Supermarkt, um die Vorräte an Brathähnchen und Pommes aufzufüllen, zielstrebig zum Apartment in Hanglage. Für die geschmacklose IKEA-Vollausstattung entschädigt der 270-Grad-Blick über den Ozean, den die Rallye-Fahrer mampfend auf dem Balkon aus Plastikstühlen genießen.

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