Hi-Ha-Hummus. Israel 2017: Jerusalem

Theoretisch ist es kein großer Akt, von Nazareth nach Jerusalem zu gelangen. Man stellt sich mit seinen sieben Sachen an die richtige Bushaltestelle (hier: 955) und wartet. Wenn man Glück hat, kommt der Bus pünktlich. Wenn man Pech hat, kommt er zu spät. Wenn man viel Pech hat, ist er zu früh durchgerauscht. Wenn man die Wandervögel ist, ist Sabbat. Von Freitagabend bis Samstagabend gehört es im jüdischen Teil der Bevölkerung zum guten Ton nicht zu arbeiten, nichts mit Geld anzustellen und nicht zu reisen. Da die Busverbindung zwischen Nazareth und Jerusalem fest in jüdischer Hand zu sein scheint und sich Sabbat und Busreisen nach jüdischem Glauben schlecht miteinander in Einklang bringen lassen, genießen die Wandervögel einen weiteren Tag in der hupenden Verkehrskatastrophe von Nazareth – zu groß ist der Widerwille einem Taxifahrer, der es mit dem Sabbat nicht so genau nimmt, knackige 600 Schekel in die Taschen zu stecken.

Der erste am Folgetag verkehrende Post-Sabbat-Bus macht mit einer Dreiviertelstunde Verspätung unangenehm auf sich aufmerksam, kompensiert den schlechten ersten Eindruck allerdings durch eine belanglose Fahrt entlang des Westjordanlandes. Zwischen milchbärtigen IDF-Soldaten und im unablässig strömenden digitalen Kommunikationsfluss badenden Mädchen kacheln die beiden Sardinen durch die Dunkelheit. Knapp drei Stunden später begrüßt sie die Hauptstadt Israels mit basslastigem Technogewummer. Menschen mit Freude an Bewegung und monotoner Akustik verrenken sich vor der Straßenbahnstation, während sich die auf das Verkehrsmittel wartenden Wandervögel auf der vergleichsweisen Aufgeräumtheit Jerusalems erfreuen und auch der weniger an Kleiderkammern orientierte Kleidungsstil eine Labsal für die Nazareth-geplagten Augen ist.

Hauptattraktion der Stadt ist der Tempelberg, dem Juden wie Moslems Heiligkeit zusprechen – aber nun ist ja besonders in religiösen Dingen jeder dem anderen sein Idiot. Auf dem Weg zwängen sich die Wandervögel mit Tausenden von der gleichen Idee Getriebenen durch die engen Gassen von Alt-Jerusalem. Neben Wandfarben, Slipeinlagen und anderen Dingen des täglichen Gebrauchs kann man hier göttlichen Merchandise *Made in China* in allen wundersamen Spielarten zu noch wundersameren Preisen erstehen. Wandervogel 1 entscheidet sich für drei Postkarten nebst Briefmarken. Wunderlich erscheint die Preisansage von 40 Schekeln – tatsächlich soll sich später herausstellen, dass der schmierige Verkäufer auch noch auf die Briefmarken einen Aufpreis draufschlägt. Damit sie nicht von Einigen als heilig Angesehenes oder gar sich selbst in die Luft sprengen können, durchleuchten gelangweilte Sicherheitskräfte Wandervögel und Gepäck, bevor man sie weiter vor lässt. Angesichts der eher geringen Freude, mit der das Personal seine Arbeit verrichtet, scheint die Mahnung „Augen auf, bei der Berufswahl“ angebracht.

Nach dem Filzen rückt die Klagemauer ins Blickfeld, die von ein paar Dutzend vor und zurück Wippenden bebetet wird. Die Männer links die Frauen rechts; feigenblättiger Sichtschutz, damit keiner auf dumme Gedanken kommt. Aus den Fugen des Gemäuers quellen Zettel, wohl damit die besten Wünschen effektiver in Erfüllung gehen. Wer hätte nicht gern eine Xbox One X mit Elite Controller zum Chanukka? Eine Sicherheitskontrolle später dürfen die Wandervögel den Felsendom und die al-Aqṣā-Moschee bestaunen. Wenngleich es mit dem Staunen dann noch nicht so weit her ist, denn beide Bauwerke hauen die Wandervögel nicht vom Hocker. Aber es kommt wohl eher auf die Inneren Werte an, die den beiden allerdings verschlossen bleiben – Innenansichten nur für ausgewählte Mitglieder.

Hi-Ha-Hummus. Israel 2017: Die Lazareth-Fusion

Des bewölkten Strandes überdrüssig, packen die Wandervögel ihre Sachen und machen sich an die Weiterreise. Der Kompass zeigt auf Nazareth und so geht es gewaschen, gekämmt und mit Nutellastullen gestärkt zur Bushaltestelle. An die Fahrt im Wechselgeldkettenbus durch die Ranzigkeit schließt eine Fahrt im Überlandbus an. Offenkundig ein populäres Reisemittel, denn die beiden sind umgeben von zahlreichen Soldatinnen und Soldaten in Zivil oder Flecktarn und schwerbepackten Greisen. Vor allem erstere Gruppe irritiert durch ihr zur Schau getragenes Kriegsgerät; aber es wartet sich halt betont lässiger auf den öffentlichen Nahverkehr, wenn ein Galil über der Schulter hängt.

Die Unterkunft der Wandervögel liegt im oberen Teil der Altstadt. Schwer bepackt schleppen sie sich durch verwundene Gassen, in denen Händler allerlei Schrott anbieten. Neben Jesus-Fan-Artikeln sind vor allem Plastik-Sturmgewehre für die Jungs und entstellte Plüschmutanten aus chinesischer Produktion für die Mädchen im Angebot. Nach einem mäandernden Gewaltmarsch angekommen, stehen die Reisenden vor verschlossener Tür. Doch insistentes Klingeln, Klopfen und Hämmern gegen die Stahltür führt schließlich zum Erfolg. Eine Frauenstimme plärrt den vierstelligen Türcode.

Nach kurzem Warten werden die Wandervögel von einem pyknischen Gnom begrüßt, der sich bei näherer Betrachtung als adipöser, halsloser Zwölfjähriger herausstellt. Wenngleich dieser sich blendend darauf versteht, im YouTube-Dschungel zu für ihn relevanten unterhaltsamen Inhalten zu navigieren, steht es um seine realweltliche Performanz eher schlecht. So behalten die Wandervögel ihre unbeantworteten Fragen zur Stadt zunächst für sich und laden das Geschleppe in ihrer Kammer ab. Diese ist ein eigenwilliger Selbstbau, der Tradition und Moderne in fragwürdiger Weise miteinander vereint: Sperrholzplatten, U-Profile und Bauschaum treffen auf historische Bausubstanz.

Da die Wandervögel die einzigen Gäste des Etablissements sind, ist auch ihr alter Freund Ruhe zu gegen; gestört lediglich durch ein regelmäßig auftretendes Rattern und Zischen. Statt einer Kobra, oder etwas ähnlich Dramatischem, produziert ein automatischer Duft-Spender das Geräusch. Eine Erkenntnis, die den in der Unterkunft allgegenwärtig herrschenden Klostein-Gestank erklärt. Mit flinken Fingern demontiert Wandervogel 2 die Geräte, nur um am nächsten Tag festzustellen, dass es sich bei der perversen Beduftung um eine Schimmelgestanks-Maskerade handelt.

Das eher überschaubare Nazareth zeichnet sich vorrangig durch den längst-andauernden Verkehrskollaps der Welt aus. Zahllose stinkende und hupende Dreckschleudern kriechen durch die Gassen, orientalische Klänge quäken aus den Autoradios und Halbstarke balzen auf ihren knatternden Mopeds mit angebohrten Auspuffen durch die Lücken in den endlosen Blechkarawanen. Wer sich daran satt gesehen hat, kann sich den weniger spektakulären Sehenswürdigkeiten widmen, von denen Nazareth eine handvoll zu bieten hat.

Zunächst stehen die Wandervögel mit offenen Mündern vor der Marienquelle, einem Betonbau, der per Hinweistafeln das Trinken untersagt. Allerdings fließt hier in der Nebensaison ohnehin nichts. Da die Griechisch-Orthodoxen die Meinung vertreten, sie wüssten es besser, haben sie fußläufig die Kirche des Heiligen Gabriel über der „echten“ Quelle von Maria gebaut. Über dem vermeintlichen Domizil der Jesus-Mutter steht hingegen die Verkündigungsbasilika, von eigenwillig moderner Architektur. Von besonderer geschmacklicher Eigenwilligkeit sind die Illustrationen, die Jesus mit greisenem Gesicht im Schoße seiner Mutter mit schiefem Schädel zeigen. Ecce Mono läßt grüßen.

Zu den Rufen des Muezzins auf dem Niveau schlechten Stadiongesangs schlurfen die Wandervögel durch die alten Mauern, um schließlich die berühmte Küche Nazareths zu kosten. Der Reiseführer preist Fusion, das kulinarische Verschmelzen von Orient unf Okzident, welches die beiden im besten Haus am Platze kosten wollen. Vor allem kosten sie dann viel heiße Luft, denn für 50 Euro gibt es – versteckt hinter abenteuerlichen Beschreibungen – Frühlingsrolle mit Frikadelle und Pizza mit fettigen Hähnchenstücken. Das ist dann wohl Fusion, aber köstlich geht anders.

Durch die frühabendliche Dunkelheit bahnen sich die Wandervögel ihren Weg zurück zur Herberge, vorbei an den auch in Jesus-Mutti-City im Müll wühlenden Straßenkatzen. Angekommen in der Unterkunft wabern ihnen Rauchschwaden entgegen, doch hinter diesen stecken nicht offene Flammen, sondern Moppel-Boy, der die Abwesenheit von Mama und Papa nutzt, um genüßlich eine Wasserpfeife durchzuziehen, während kein YouTube-Video ungesehen bleibt. Als die Kemenate die Wandervögel mit einer wohl wahrnehmbaren Schimmelnote begrüßt, verzichten sie auf das Ausbreiten und stellen sich stattdessen auf die Weiterreise ein.

Hi-Ha-Hummus. Israel 2017: Es pustet im Bauhaus

Statt von sengender Sonne und lauer Brise werden die Wandervögel am ersten Morgen in der Fremde von einer alten Bekannten begrüßt: wolkiger Westküsten-Pustigkeit. Der Blick aus dem Bett über die vielbefahrene Straße auf das Meer weiß nicht die Enttäuschung aufzuwiegen, dass statt wie geplant Rock und Shorts nun Nietenhosen und Windbreaker auf der Kleidungsagenda stehen. Nur die Abgebrühtesten trauen sich bei diesem Wetter mit den Surfbrettern in die ihrem Namen alle Ehre machende Brandung – und wenn die Wandervögel auch nicht normal sind, so bekloppt, sich angesichts dieser Rahmenbedingungen dem Wassersport zu widmen, sind sie dann doch nicht.

Gewaschen und gekämmt machen sich die Wandervögel auf Erkundungstour und Nahrungssuche. Der Weg führt zu einem Markt, dessen Angebotspalette von Backwaren über Gewürze bis hin zu frischen Speisen reicht. Dazwischen die komplette Bandbreite chinesischer Billigartikel. Als Stärkung der Wahl haben die Reisenden das laut Herstellerangaben „best Kebab in Tel Aviv“ auserkoren. Von den drei servierten Frikadellen mit Gemüsebeilage sollen die Reisenden schließlich den ganzen Tag etwas haben: wie Wackersteine liegt das Fleisch im Magen. Besonders hart trifft es Wandervogel 1, die den Tag aufstoßend verbringt. *burps*

Zerstärkt machen sich die Wandervögel auf in das Innere der Stadt, deren Architektur Weltruhm genießt. Einerseits verständlich, wenn sich so viel Bauhaus-Architektur auf engem Raum versammelt. Andererseits völlig unverständlich, denn kaum etwas ist so langweilig anzusehen wie Bauhaus-Architektur. So schlendern die beiden entlang des Rothschild Boulevard vorbei an Cafés mit überteuerten Heißgetränken und Backwaren, genießen im Rahmen der Möglichkeiten ihrer Ignoranz die modulare Architektur und versuchen sich dabei nicht von den E-Bike-Rasern über den Haufen fahren zu lassen.

Abseits der Flaniermeilen macht Tel Aviv bei Windstärken in der Nebensaison einen abgeranzten Eindruck. Womöglich ist es der Fluch von Alicante, der auf so vielen Küstenstädten lastet. Gleichgültige Raucher und im Müll wühlende streunende Katzen zwischen Häuserfronten, denen schon mit einer Kelle Beton und einem Eimer Farbe viel geholfen wäre. Aber warum kümmern, wenn man täglich zehn Sonnenstunden am Strand abhängen und zwischendurch Touristen die Schekel mit hanebüchenen Preisen aus der Tasche ziehen kann. „How much is that Keks, please?“ „That Keks? That Keks is twelve Schekel!“ „Twelve Schekel? That’s three Euros? It‘s just a normal Keks!“ Die Wandervögel verlassen den Backwarenladen.

Der Fußmarsch führt in den hutzeligen Teil von Tel Aviv, der schon eher den gehobenen Urlaubs-Ansprüchen entspricht. Altstadtgassen mit inhabergeführten Geschäften, die Nippes und Spülmaschinen verkaufen. Noch ein wenig hutzeliger an der Grenze zum tatsächlich Schönen wird die Umgebung dann im mittelalterlichen Jaffa, wo man schon mit gusseisernen Kanonen auf Schiffe schoss, als an Tel Aviv noch nicht zu denken war. Doch es wäre keine Wandervogel-Tour, wenn nicht im Moment der Gegenwart des Schönen ratzfatz die Sonne unterginge. Irgendwas ist ja immer und wenn es nur kurze Tage sind.

Hi-Ha-Hummus. Israel 2017: Touchdown in Tel Aviv

Die Wandervögel sahen sich mit einem Resturlaubs-Problem konfrontiert. 14 Tage im November. Zu viel, um sich den Hintern auf dem heimischen Sofa breit zu sitzen, zu wenig für die nächsten Wunschkandidaten Brasilien, Uganda und Ruanda. Was tun? Auf der Suche nach einem moderat weit entfernten Land von überschaubarer Größe, mit annehmbaren Temperaturen entschied sich die zweiköpfige Findungskommission für Israel, das Marokko knapp den Rang ablief. Die Checklisten abgearbeitet, die Rucksäcke vollgestopft, das Taxi bestellt und ab dafür.

Der wesentliche Vorteil des Bereisens einer vergleichsweise naheliegenden Destination ist die vergleichsweise kurze Anreise; der wesentliche Nachteil liegt in der Anekdotenlosigkeit selbiger. Bemerkenswert ist allenfalls die Unstrukturiertheit des bei der Zwischenlandung aufzusuchenden Istanbuler Flughafens. „Hallo! Einmal das Gepäck durchwühlen lassen. Wir müssen prüfen, ob Sie im Flugzeug aus Plastikbesteck und Servietten eine Bombe gebaut haben. Weitergehen. Hallo, Sie da! Hier entlang. Ab in den Schlachtviehtransport auf das Rollfeld. Aussteigen! So, nun bei Windstärke 8 und Starkregen einsteigen.“ Immerhin Wandervogel 1 sah dank vorsorglicher 3-Wetter-Taft-Behandlung im Anschluss blendend aus. Wandervogel 2 eher so begossener-Pudel-Style.

Gestählt von Einreise nach China ist der Immigrationsprozess in Tel Aviv lachhaft. Nur eine knappe Dreiviertelstunde stehen sich die Wandervögel die Beine in den Bauch, um auf knallharte Fragen, wie die nach dem Grund der Einreise oder Bekannten, gelangweilt zu antworten. Statt eines Stempels in die Reisepapiere gibt es eine personalisierte Einsteckkarte – aber nicht verlieren, bitte. Nur ohne „bitte“, denn Freundlichkeit ist ein K.O.-Kriterium beim Zöllner-Bewerbungsgespräch, wo nur die Maulfaulen, gelangweilt Dreinschauende oder Lethargische in die Endrunde kommen. Aber immerhin kann man so nach der Ausreise leugnen, das Land je besucht zu haben.

Die Freude über die ersten Schekel – was für ein Name für eine Währung – währt kurz. Der Automat spuckt nur große Schekel-Scheine aus. Allerdings soll die kosmische Balance bald wieder hergestellt sein, denn alles in Israel wird sich als teuer herausstellen. Nix mit Hummer am Strand. Die Fahrt mit dem umgebauten Minibus zur Herberge führt durch die spärlich erleuchteten Straßen der zweitgrößten Stadt des Landes. Für Erheiterung bei den Wandervögeln sorgt das Wechselgeld-System im öffentlichen Nahverkehr: Nach dem Platznehmen gibt man einen Schekel-Schein reihum bis zum Fahrer nach vorn, auf der anderen Seite geht das Rückgeld des Fahrers von Hand zu Hand retour. Ob der sozialen Kontrolle kommt alles an, schließlich auch die Wandervögel.

Chop Chop. China 2017: All over now


Die Wandervögel sind zurück im Nest und müssen erstmal waschen, lüften und die Post durchsehen. Wie es gute Sitte ist, hier als Leserservice Etappen des Abenteuers aus dem Land des Spuckens in chronologischer Reihenfolge:

Chop Chop. China 2017: Prolog im Himmel
Chop Chop. China 2017: Touchdown in Beijing
Chop Chop. China 2017: Maler und Lackierer
Chop Chop. China 2017: Duck Duck Go!
Chop Chop. China 2017: Wanzen auf der Mauer
Chop Chop. China 2017: Perfekt geplant
Chop Chop. China 2017: Im Taxi durch Ruinen
Chop Chop. China 2017: Im rollenden Aschenbecher durch die Nacht
Chop Chop. China 2017: Heidelberg, mein Heidelberg
Chop Chop. China 2017: Ton, Steine, Bazillen
Chop Chop. China 2017: Shanghait