Gaijin. Japan 2019: Kimono-Overload in Kyoto

Nach der ersten Nacht im automatisierten Appartement geht es ab in die Stadt. Allerdings stellt sich Kyoto in weiten Teilen als weniger hutzelig denn arg betoniert heraus. Der Weg führt durch die menschenleeren Gassen der Randbezirke, was die Wandervögel zu Spekulationen anregt, wo denn die ganzen Menschen sind, die in den hohen Häusern wohnen. Als eine plausible Antwort erscheint, dass sie den ganzen Tag lang durch die U-Bahn-Stationen hetzen und mit den Zügen hin und her fahren, um das Bild von Geschäftigkeit zu unterfüttern. Ebenso eigenartig ist die auffällige Abwesenheit von Abfallbehältern im öffentlichen Raum, während jeder Tourist eine Tüte mit Plastikabfall herumträgt. Die Lösung ist einfach und wie alle einfachen Lösungen bescheuert: Das Credo lautet: Wenn es keine Abfalleimer gibt, produzieren die Leute auch weniger Abfall. Und das angesichts der Tatsachen, dass selbst einzelne Kekse in Plastikfolie verpackt sind und Supermärkte Einweg-Strumpfhosen im Sortiment führen.

Da auch Kyoto einen Fischmarkt besitzt, ist das Frühprogramm gesetzt. Neben Konfiserie-Obst umfasst das Angebot diverse eingelegte Rettichsorten und mit Wachteleiern gefüllte Mini-Oktopusse am Stock. Wurgs. Das Frühstück muss warten. Es geht weiter zum Event des Tages: Der großen Geisha-Show im historischen Kaburenjo-Theater am Kamo. Dass man es hier ernst meint mit der Tradition, wird schon vor dem Eintritt deutlich. Interessierte Paare werden vor dem Anstehen an den Ticketschalter getrennt, nur ein Interessenvertreter pro Reisegesellschaft bittet sich der gestikulierende Anweiser aus. Es folgt ordentliches Anstehen für die Fahrstuhlfahrt in den vierten Stock, wo die als Einstimmung gedachte Teezeremonie stattfinden soll.

Reihenweise sitzt die aus vorherigen Fahrstühlen gequollene zahlende Zuschauerschaft um die Bühne, auf der die Geisha bereits fleißig mit Wasser und Matcha-Besen hantiert. Während das Personal Anwesenden Matcha serviert, ist eine außerordentlich ausladend Geformte bereits laut schmatzend mit dem Verzehr der zum Matcha zu verspeisenden Süßware beschäftigt. Die allgegenwärtigen Koriander sind einen Schritt weiter und wickeln bereits knisternd die Souvenir-Untertassen in Papierservietten. Die Geisha behält die Fassung und zeremoniert in Zeitlupe, während am Kanal die Wasserbauer mit Presslufthämmern aktiv werden. Nachdem die Wandervögel das erste Mal von ihrer grünen Plörre genippt haben, kommt Bewegung in die Bude. „Bitte aufstehen, bitte Weitergehen, die nächste Gruppe steht schon gackernd im Türrahmen.“

Nach dem misslungenen Achtsamkeitserlebnis geht es zur einstündigen Wartezeit in den Saal mit Geisha-Merchandise. Dann, endlich, das Geisha-Theater. Weißgeschminke bewegen sich roboterhaft über die Bühne und quäken ihre Texte für die letzte Reihe. Ein Ball, der aussieht wie ein Hamburger, ist in einen Brunnen gefallen und Holland ist in Not, die Zofen bringen der Kaiserin ihr Kind. Angesichts dieser wirren Theatralik driftet der kulturell ohnehin uninteressierte Wandervogel 2 in einen traumvollen Sekundenschlaf, aus dem er jedoch umgehend wieder hochschreckt. Eine Geisha aus dem Instrumentengraben hat sein Desinteresse ausgemacht und bläst immer dann schrill in ihre Bambusflöte, wenn sich das Kinn des Teutonen auf seine Brust senkt. Schnarch. Flöt. Schnarch. Flöt. Schnarch. Flöt. So geht das Kräftemessen zum Leidwesen aller, bis nach einer Stunde dann der Vorhang fällt.

Durch die Altstadt von Kyoto geht es zum Kijonizu-Tempel, denn wo UNESCO-Weltkulturerbe drauf steht, sind auch die Wandervögel vor Ort. Zu deren Leidwesen aber auch eine gefühlte Trillion Touristen aus aller Herren Länder. Eine Gemeinsamkeit verbindet sie allerdings: Um das authentische Japan besser erleben zu können, hüllen sie sich in traditionelle japanische Gewänder, die Kleinunternehmer am Wegesrand stundenweise vermieten. In der Folge herrscht Kimono-Overkill. Mit dem Strom schwimmend kämpfen sich die Wandervögel den Tempelberg hinauf, vorbei an Unternehmen, die Matcha in allen vorstellbaren Darreichungsformen anbieten. „Wenn es nur grün ist, werden es die Gaijins schon kaufen.“

Am Ziel angekommen, kommt es wie es kommen muss. Damit für Olympia 2020 alles super aussieht, muss es vorher auf Hochglanz poliert werden. Baugerüste und Abdeckplanen sind der ungerechte Lohn des steilen Aufstiegs, wenngleich sich die Schönheit den Bauwerks immerhin sporadisch erahnen lässt. Maulig marschieren die Wandervögel mit strammem Schritt zurück ins Tal. Da die astronomischen kyotischen Preise und das zu weiten Teilen aus Wagyu bestehende Angebot ruinös erscheint, überfallen dis Reisenden kurzerhand einen Supermarkt und machen sich ihr eigenes Essen – frisch und farbenfroh.

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