Gaijin. Japan 2019: Schnapp den Pikachu

Am Ende doch unversehrt den Weg in die Takeshita-Dori gefunden habend, sehen sich die Wandervögel mit einem Schrotttsunami konfrontiert. Ramsch-Kostüme, Ramsch-Essen, Ramsch-Nippes. Billigste übel riechende Containerware mit popkulturellem Anstrich. Aber wer Hosen mit 36 Schnallen oder Stiefel mit 36 Zentimeter hohen Absätzen sucht, wird fündig – darf sich nur nicht wundern, wenn die Sachen bei der Feuertaufe aus dem Leim gehen. Wer so weit draußen schwimmt, dass keiner mehr mitschwimmen mag, oder kann, weil man einfach zu anders ist, der hält Einkehr in ein Katzen-/Hundewelpen-/Eulen-Café und holt sich dann aus dem Tierreich, was die menschliche Gemeinschaft nicht zu geben vermag. All diese anmaßende und ungefragt geäußerte destruktive Gesellschaftskritik außer Acht lassend, versucht sich Wandervogel 1 an der örtlichen Spezialität: Käse am Stock mit Croutons frittiert. Bescheuert, teuer, aber irgendwie auch sättigend.

So geht es weiter nach Akihabara. Dem gepriesenen Elektroland. Das sich im Nieselregen allerdings als weit weniger mythisch herausstellt und auch bei näherer Betrachtung keinen Charme auszuspielen vermag. Zwar verheißen mehrstöckige Gebäude mit SEGA-Schriftzug Videospiel-Exzesse, im Inneren bleckt jedoch der Fortschritt seine häßliche Fratze. Statt House of the Dead, Afterburner oder Super Hang-On gibt es stockwerkeweise bescheuerte UFO-Catcher; jene dämliche Jahrmarks-Attraktraktion, bei der man Plüschfiguren mit einer nicht greifen wollenden Schere aufzunehmen versucht. Nur eben mit Pikachu. Passivraucher kommen in den örtlichen Spielhallen auf ihre Kosten, wo man durch die trübe Luft Rundrückige ausmachen kann, die immer wieder auf Tasten eindrücken. Untermalt von einem infernalischen Stakkato aus Piep- und Fiepgeräuschen.

Die Wandervögel beschließen einzukehren und treten die Rückreise zur Unterkunft an; aufgrund mehrerer Sekundenschlaf-Attacken verpassen sie beinahe ihre Station. Auf dem Heimweg stoppen sie in einem Restaurant vor, das mit seiner überschaubaren Größe besser als „Schankbetrieb mit Verzehroption“ laufen sollte. Am Platz werden die Wandervögel mit warmen Waschlappen versorgt, nur mit größter Willenskraft können sie sich ihren Drängen widersetzen, diese zur Linderung der dortigen Schmerzen an den Füßen zu applizieren. So stochern sich die beiden mit ihren Stäbchen durch Bratreis und Reisnudeln, währen am Nachbartisch zum Feierabendbier ordentlich gestocht wird. Das japanische Klischee von Tradition und Moderne, rauchen wo andere Essen.

Mit letzter Kraft schleppt sich das Duo in die Herberge, mit dem Ziel sich dort entkräftet in die weichen Betten fallen zu lassen. Nachdem sich Wandervogel 2 ob seiner herkulischen Ausmaße markig den Schädel am Rahmen der Zimmertür angeschlagen hat, bleckt erneut die viel gepriesene Tradition ihre hämische Fratze: Statt eines Bettgestells warten in dem unmöblierten nacktwandigen Raum wenig einladende Tatamis. Weil Futon dem Etablissement nicht traditionell genug zu sein scheint, tischt die Unterkunft einen wattierten Sack als Matratze auf. Eine Steppdecke dient der Abdeckung. Doch all die komfortlose Härte kann die Wandervögel nicht davon abhalten, wie nasse Säcke auf die Nachtlager zu fallen und halb ausgezogen in unansehnlichen Posen in den Tiefschnarch-Schlaf zu fallen.

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