Mzungu. Ostafrika 2018: Nilistisches Geflatter

Nach einer durchschwitzen Nacht im Hotel Nirgendwo setzen die Wandervogel die Reise in den Murchison Nationalpark fort. Bei Tageslicht mutet die asphaltierte Straße weit weniger bedrohlich an. Jedoch zeugen zu blutigfelliger Schmiere zerfahrene Kleinsäuger davon, womit sich die Wandervögel bei einer nächtlichen Weiterfahrt hätten amüsieren dürfen. Irrer noch: In Fahrbahn-Schlaglöchern wachsende mit Flatterband dekorierte Bäume und Fahrzeuge bespringende Paviane, die auf deren Motorhauben hocken. Ausnahmsweise haben die Wandervögel alles richtig gemacht.

Es folgt das übliche Afrika-Idyll. Mit Zuckerrohr überladene LKW locken herabfallende Stengel aufklaubende Kinder auf die Straße. Die Schulklasse wird im Sportunterricht mit Macheten ausgestattet und mäht mit ausladenden Schwüngen die Grünfläche der Bildungseinrichtung. Im Schatten der Bäume wegelagern die korrupten Polizisten. Hallo. Alles klar? Tolles Land, oder? Ach aus Deutschland. Ja Deutschland sei bestimmt auch toll. Gerne hätte er was aus Deutschland. Wandervogel 2 drückt dem Schwein die halbleere Tüte Weingummi-Mini-Schnuller in die Hand. Oh Mini-Schnuller? Die Irritation reicht für die Weiterfahrt die nach Stunden im Drei-Sterne-Zeltlager mit Seeblick vor den Toren des Murchison Nationalparks endet.

Die Einfahrt in das Wildreservat erweist sich als eine weitere Nervenprobe für die Fahrerin und den bequemen Beifahrer. Die von Sumpfland gesäumte Buckelpiste weicht einem See von unbekannter Tiefe. Wandervogel 1 bedeutet dem Beifahrer auszusteigen und den See auf Passierbarkeit hin zu prüfen. In Ermangelung eines Stocks oder ähnlicher Werkzeuge tritt Wandervogel 2 vorsichtig den Marsch in das Nass an. Zwar reicht der See ihm an seiner tiefsten Stelle lediglich bis zum Knie, an Dämlichkeit ist das Bildnis des kurzhosigen weißen Mannes auf Kneipkur im Busch allerdings kaum zu überbieten. Es folgt ein Festfahren mit Aufsetzen, dass sich jedoch durch den gezielten Einsatz von eigener Muskelkraft auflösen lässt. Schade, um die frische Hose.

Das gelangweilte Personal am Parkeingang weiß mit den Eintrittskarten ebensowenig anzufangen wie mit den desbezüglichen Erklärungen der Reisenden. Nach einer Viertelstunde Zeitvergeudung in der sengenden Sonne erscheint die Frau vom Schrankenwärter Thiel, die dem Unsinn ein Ende bereitet, indem sie die Karten durch das Lesegerät zieht und eine gute Weiterreise durch die Anlage wünscht. Purer Zynismus, wie sich nach wenigen Metern herausstellt: die Fahrt auf der verschlaglochten und weggeschwemmten Nationalpark-Buckelpiste gleicht einer nicht enden wollenden Wurzelbehandlung ohne Betäubung. Die Tierwelt scheint das Geratter und Geschepper des Wandervogel-Mobils nicht zu scheren. Antilopen, Warzenschweine und Elefanten lassen sich nicht stören. Nach einer guten Stunde stehen die Wandervögel dann am Nil.

Aufgrund positiver Erfahrungen auf dem Wasser entschließen sich die Wandervögel zu einer Flußkreuzfahrt. Mit an Bord eine Horde betagter All-inclusive Holländer. Aufgrund der aufziehenden Gewitterwolken beschließen die verweichlichten Tulpenzüchter sich in Plastikponchos zu hüllen, deren Geflatter die klangliche Untermalung für den Rest der Flussfahrt darstellt. In viel zu großer Entfernung geht es vorbei an Flusspferden, Elefanten und Rothschild-Giraffen hin zu den aus seesicht unspektakulären Murchison Falls, deren Spülkraft schmutzig schaumige Kronen auf dem Nil produziert. Nach der unterwältigenden Schifferei, entschädigt der Zufall: In Spuckweite des parkenden Wandervogelmobils frisst sich ein Elefant am Ufergrün satt und läßt sich dabei aus nächster Nähe bestaunen.

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