Mzungu. Ostafrika 2018: Waisenhaus mit Seeblick

Bevor der Wecker die Wandervögel aus den Träumen schrecken kann, übernimmt das Hotelpersonal die undankbare Aufgabe. Zu Hämmern, Dengeln und Sägen schlüpfen die Wandervögel aus dem Moskitonetz und schlurfen zu ihrem Frühstückstisch mit Seeblick. In fetzigen T-Shrits und zerlumpten Hosen schleppt ein vierköpfiger Barfußtrupp Baumstämme von einer Seite der Straße auf die andere, während die Kollegen zusammen mit nach essbarem suchenden Schweinen auf der offenen Müllkippe am Berghang nach Verwertbarem suchen.

Nach der Stärkung kraxeln die Reisenden durch die Serpentinen, um den vermeintlich wundervollen Blick über den Lake Bunyonyi und dessen 29 Inseln zu genießen. Der Aufstieg führt durch mehr oder minder koordiniert bewirtschaftete Terrassen, auf denen Bananen und Kohl zu wachsen versuchen, Frauen schwungvoll mit der Hacke den Boden umgraben, während der Nachwuchs auf einem Lappen sitzend den Wandervögeln mit großen Augen zuwinkt. Durch die Gitter des „Little Angels“-Waisenhauses dringen indigene Kindergesänge; Idyll mit Plastikmüll. Still ruht der See.

Um die unfassbare Schönheit des Lake Bunyonyi besser erfahren zu können, unternehmen die Wandervögel eine Bootstour. Einsilbig erläutert der Fahrer die wundervollen Geschichten hinter der kleinsten Insel des Sees (schwangere Teenager wurden bis zum Hungertod ausgesetzt), der größten Insel des Sees (Leprakranke wurden entsorgt). Die Bootsfahrenden lassen die „Ninja-Warrior-Insel“ mit Klettergarten links liegen und entscheiden sich zu einem Besuch auf der Zoo-Insel, wo Wandervogel 2 tatsächlich im Nieselregen die dort ausgesetzten Zebras und Wasserböcke vor die Linse bekommt.

Als letzte und einzig verbleibende Tagesaktivität unternehmen die Wandervögel einen Ausflug in den Ort. Umgehend werden sie von einem Einwohner in Empfang genommen, der sich ungefragt als Tourguide anbietet und munter drauflosplappert. Wichtig für die Dorfgemeinschaft sei es, dass sie Unterstützung erführe, um all die Waisen zu ernähren und ihnen eine Zukunft zu ermöglichen. Schwupp-di-Wupp finden sich die Wandervögel in einer Wellblechhütte voller unansehnlicher Andenken wieder, deren kunsthandwerklicher Wert eher enttäuscht.

Der nächste Stopp führt zum Industriegebiet. Mit einer Trennhexe und unerkennbarer Absicht bearbeitet der einzige Industriearbeiter des Ortes eine auf dem Boden liegende Stahltür. Aufgeregt deutet der Tourguide auf eine 200 Meter Gebüsch überspannende Wäscheleine. An dieser sollen am folgenden Markttag allerlei großartige regionale Produkte angeboten werden. Allen voran Kunsthandwerk, Bananen, Tomaten und Weißkohl. Besonders auf letzteren sind die Wandervögel total gespannt.

Schließlich deuet der ungefragte Führer auf eine weitere zerbeulte Hütte, die die Möglichkeit bietet sich in das Gästebuch der Dorfgemeinschaft einzutragen. Mit der Eintragung einher ginge dann eine großzügige Spende, weil es mit dem Kohl und den Bananen gerade nicht so liefe. Außerdem seien da ja auch die Waisen, die man quasi-adoptieren könne. Für nur 25 Dollar im Monat zuzüglich Weihnachtsgeld würde ein Waise der Wahl dann regelmäßig Bilder malen, die den Quasi-Adoptiveltern per E-Mail nach Hause geschickt würden. Aufgrund ihrer Zweifel an der Tauglichkeit der digitalen Infrastruktur winken die Wandervögel jedoch ab.

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