Mzungu. Ostafrika 2018: Niemand hat die Absicht, einen Kreisverkehr zu errichten

Mit entklebten Augen begutachten die Wandervögel, wohin es sie des Nachts verschlagen hat. Ein See, ein Wald und Mangomarmelade entschädigen für die Strapazen der taglangen Anreise. Just als Wandervogel 1 in ihre Rühreistulle beißen möchte, bedeutet das Personal dieses Vorhaben abzubrechen. Besuch für die weiße Frau sei erschienen. Verärgert über den aufzuschiebenden Eibrotgenuss entgegnet sie, dass dieser eigentlich erst hätte später erscheinen sollen – aber der schwarze Kontinent hat seine eigene Zeit; ausnahmsweise geht die Uhr mal vor.

Michael bringt den Mietwagen, einen verstaubten und verkratzten 4×4-Toyota, der die Reisenden heil durch das Land bringen soll. In einem sorgfältig einstudierten Monolog betet Michael die allgemeinen Geschäftsbedingungen und örtlichen Gepflogenheiten herunter. Die Wichtigste: Das Fahrzeug anhaltende Polizisten solle man auch grundlos unterwürfig um Vergebung bitten und als Zeichen von Reue und Demut 10.000 Schilling zustecken. Maximal 20.000 Schilling, darüber hinausgehende Zuwendungen gehörten sich nicht. Gut merken lässt sich dieser Betrag, weil auch ein Reifenwechsel mit bis zu 5 Euro zu Buche schlägt.

Das unspektakuläre Tagesprogramm sieht einen Besuch im 45 Kilometer entfernten Kampala vor, denn in der Landeshauptstadt warten die arschteuren amtlichen Dokumente, ohne die ein Besuch bei den Gorillas nicht möglich ist. Entgegen der vielfach kolportierten Aussage, die ugandischen Straßen wären „perverse Schotterpisten“, erweist sich zumindest die Strecke zwischen Entebbe und Kampala als hervorragend ausgebaut – oder besser: als im Ausbau befindlich. Unvermittelt wird der Verkehr auf die Gegenspur geleitet, die GPS-Navigation fordert fortlaufend zum Einfahren in und Verlassen von Kreisverkehren auf, die sich bestenfalls in der Planung befinden.

Am Bundestraßen-Straßenrand tobt das gesellschaftliche Leben, oder besser: der kleinunternehmerische Einzelhandel. Sorgsam zu Pyramiden gestapelte Orangen, Berge von Kochbananen und Süßkartoffeln sowie Maniok, Maniok und Maniok – die geschmacklose Grundlage der lokalen Cuisine. Als Kilometermarker fungieren schwelende Abfallberge, in denen zerzauste Marabus wie demente Alte umherstolzieren und den vergessenen Weg nach Hause suchen.

Dazwischen Ziegelmanufakturen; Lehmklumpen aus Holzformen schüttelnde Arbeiter, die ihr Tagewerk nach dem Trocknen in der Sonne zu pyramidalen Bauwerken aufschichtenund und diese schließlich mit dem letzten bisschen Feuerholz der Umgebung in Brand zu stecken, um ihnen die letzte Feuchtigkeit auszutrieben. Willkommen im Freilichtmuseum. Und auch eine Werkstatt ist hier noch eine Werkstatt, hier wird der Motorraum noch mit Waschbenzin gewaschen und das Öl auf dem Lehmplatz abgelassen. Gut ist was funktioniert.

Was indes so gar nicht funktioniert, ist der Verkehr im zu schnell gewachsenen Kampala. Einmal in der Stadt gefangen, geht nichts mehr. Des einen Leid,des anderen Freud‘: Straßenhändler offerieren den Wandervögeln Heckenscheren, Gummimatten zur Einlage in Dusche und Bad, Toilettenpapier, Handtücher, Badelatschen – Sanitärprodukte als Leitmotiv. Schwach werden die Wandervögel schließlich, als ein fliegender Händler USB-Ladegeräte für den Zigarettenanzünder anbietet. Den überzogenen Startpreis weglachend, entspinnen sich hunderte Meter währende Preisverhandlungen, während derer der Händler neben dem Wandervogel-Mobil hertrabt. Auch die Mitleid-Masche beherrschen die Eingeborenen, wenn die mittlerweile die Hälfte ihrer Extremitäten verlorene Almosen-Oma im Rollstuhl durch Stop-and-Go geschoben wird.

Die Dependence der Ugandan Wildlife Authority entpuppt sich als die schwerbewachte Stallung des Amtsschimmels. An fünf Schreibtischen sitzen fünf Damen die zunächst einmal „nicht zuständig“ sind und Wandervögel auf die Warteplätze verweisen. Womit das Personal beschäftigt ist, zeigt ein flüchtiger Blick auf die eifrig geführten handschriftlichen Notizen: Uni-Hausaufgaben. Selbst der eigentliche Verwaltungsakt, die Herausgabe vorab bezahlter Erlaubnisscheine, zieht sich dann eine gute Stunde hin; allein ein Viertel davon geht für das Herauskramen der Belege aus dem Archiv drauf. Wandervogel 1 macht sich keine Aussichten hier in ihrer Profession arbeiten zu können: „Wer so arbeitet, der kann kein Burnout kriegen.“

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