Supersized. USA 2018: Der Kapitän des Hinterlands

Das nächste Nachtlager erwartet die Wandervögel in Fresno. Und was für ein Nachtlager! Aus Versehen hat die Reiseleitung für einen vergleichsweisen Spottpreis eine Suite gebucht. Platz für 1.000 Russen. Um dem vermeintlichen Idyll auf den Zahn zu fühlen, stellen die Wandervögel die Unterhaltungskomponente auf die Probe. Da Vorbewohner so freundlich waren, ihre Zugangsdaten einzugeben, können sich die Wandervögel mit Netflix die Zeit vertreiben. Zielsicher fällt die Wahl auf den dümmsten zur Verfügung stehenden Film, Chocolate City, der den Aufstieg einer Gruppe von Provinz-Strippern („Sexy Chocolate“) in Las Vegas schildert. Eine Baukasten-Schmonzette a la bon heur, dazu die überladendste verfügbare Pizza. Eine tückische Mischung.

Nach bizarren Träumen, in denen Wandervogel 2 einer Horde von großgliedrigen Farbigen entkommen muss, die fortlaufend „Tanz mit uns!“ rufen, wacht er schweißgebadet auf. Doch im Bett bekommt man die Welt nicht zu sehen, und so geht es wieder in die Blechbüchse und auf den Freeway, der Yosemite-Nationalpark wartet. Auf dem Weg dorthin winkt das Schicksal: Ein Comicfachgeschäft am Straßenrand! Aufgeregt hüpft Wandervogel 2 in seinem Sitz auf und ab; wunscherfüllend fährt Wandervogel 1 auf den Parkplatz. Womöglich auch von dem Umstand bewegt, dass sich in direkter Nachbarschaft ein Schuhgeschäft befindet. Eine Stunde später hat Wandervogel 2 sechs lange gesuchte Bilderhefte erbeutet und Wandervogel 1 ihre Schuhsammlung um zwei Exemplare ergänzt. Verdammte Sammelwut.

Durch endlose Orangenhaine, geht es in den gebirgigen Nationalpark. Um die Natur zu erleben, ohne Gefahr zu laufen auch nur ein Gramm des mühsam angefressenen Fettes zu verbrennen, kann man auch diesen Nationalpark mit dem Auto durchqueren. In größtmöglicher Abwechslung schließen Wälder an flußdurchzogene Ebenen an. In Zelten wohnende Camper bieten sich den Bären als nächtliche Zwischenmahlzeit an, während in zu Wohnmobilen umgebauten Reisebussen Hausende sich das treiben beschauen. Auf Fahrrädern brausen Behelmte über die Wege, andere paddeln den Flusslauf entlang. Es könnte alles so idyllisch sein, wenn nicht gerade ein Waldbrand in Gange wäre. „Können die nicht einmal normal Urlaub machen, wie andere auch?“ „Nö!“

Genug des Naturerlebnisses winken die Wandervögel El Capitan, dem felsigen Wahrzeichen von Yosemite ein letztes Mal zu und machen sich auf den Weg nach Jamestown. Im beschaulichen Örtchen aus Zeiten des Goldrauschs soll die Atmosphäre des Wilden Westens noch deutlich vernehmbar sein. Zudem fiel die Wahl der Reiseleitung auf Jamestown, da die preiswerte Unterkunft nur eine Autostunde vom Ausgang des Nationalparks entfernt liegen soll. Ein perfekter Plan, mit den exakt das passieren soll, was mit allen perfekten Wandervogel-Plänen passiert: in einer vielgliedrigen Verkettung unglücklicher Umstände endet der Tag mit blitzeblank liegenden Nerven.

In einem ersten moderat durchdachten Schritt in Richtung Chaos verkündet Wandervogel 1 ihre navigatorische Überlegenheit über die eingesetzte Technik. „Wir fahren geradeaus. Das hab ich bei Google gesehen. Das ist kürzer.“ Wer diskutieren will, muss zu Fuß gehen und so geht es in Serpentinen den Berg hinauf. Beharrlich dräng der digitale Fahrassistent darauf, Wandervogel 1 solle das Fahrzeug wenden. Doch die Reiseleitung lässt sich nicht von dem Kurs abbringen, den ihr innerer Kompass vorgibt. Das ändert sich schließlich, als ein Schild den Wandervögeln bedeutet, dass die Straße sich in drei Kilometern auf eine Spur verengt. Es ist die Gegenspur.

Wandervogel 1 folgt der Bitte zum Wenden. In leicht verbeulter Stimmung geht es die Serpentinen wieder hinunter. Am Horizont, beschienen von der sinkenden Sonne taucht El Capitan vor ihnen auf. Willkommen im Yosemite Nationalpark. Nachdem man ihm nachgab, diktiert der digitale Fahrassistent triumphierend seine Instruktionen. Den Yosemite durch einen alternativen Ausgang verlassend, geht es durch das Kalifornische Hinterland, wo kilometerlanges Nirgendwo an kilometerlanges Nirgendwo anschließt. Davon bekommen die Wandervögel wenig mit, denn mittlerweile ist es stockfinstere Nacht. Noch eine Stunde bis Jamestown, zwei Äpfel, eine Packung Fishermen’s, die Wasservorräte werden knapp.

Gelangweilt beschließt die Realität den digitalen Assistenten in seine Schranken zu weisen. Am aufgrund der Schwärze nicht sichtbaren Horizont ein Lichtschein, der sich beim Annähern in gleißendes Weiß verwandelt. Bauscheinwerfer bestrahlen das am Wegesrand aufgestellte Schild „Road Closed – Construction Area“. Vollbremsung. Dampf schießt aus der Nase von Wandervogel 1. Wandervogel 2 steigt aus, um die Lage zu eruieren. Durch seine Präsenz gestört erwacht ein nickender Bauarbeiter. Die Männer treffen sich im Scheinwerferlicht, mustern sich, schütteln die Köpfe. Es ist kein Durchkommen, aber zum Glück gibt es eine Umleitung.

Mit feinem, aus den Ohren steigenden Rauch quittiert Wandervogel 1 die Kurskorrektur. Sie wendet den Reiskocher und biegt wie beschrieben in den Feldweg ein. Während der Wildwuchs am Wegesrand zunimmt, schlägt Schotter gegen den Wagenboden. Willkommen im Hinterland, wo das Schaf nicht nur ein Nutztier ist, sondern zur Familie gehört und nach einer Reifenpanne um Hilfe Suchende als Trophäen über dem Kamin enden. Die Türen zu und durch. Im Rückspiegel der Pickup-Truck mit den blendenden Scheinwerfern, der bis an die Stoßstange auffährt und sich hinter dem Hügel zurückfallen lässt und dann verschwindet. Irgendwann Jamestown, einchecken Tür zu und mehrfach abschließen.

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