Supersized. USA 2018: Sin City

Aufgrund des späten Aufbruchs passieren die Wandervögel die Staatsgrenze Nevadas in der Dämmerung und jagen anschließend über den nachtschwarzen Freeway. Kein Mensch, kein Licht, kein Leben, das die müde strahlenden Scheinwerfer zerteilen könnten. Nur Schwarz, Schwarz, Schwarz. Dass sie durch die Wüste düsen, meldet diese durch ungebremste Windböen zurück, die Wandervogel 1 immer wieder aus der Spur werfen. Stärker noch die passierenden Freightliner, deren Slipstream das Auto für Momente durchschüttelt, als versuchte man einen Burnout auf Wackelpudding. Ein Lichtschein über einem Berg deutet schließlich an, dass in der Ferne etwas kommt. Und auf der Spitze verwandelt sich der Schein in ein Lichtermeer. Die Nacht wird Tag, am Horizont eine leuchtende Stadt. So weit das Sichtfeld reicht: Las Vegas, die größte Energieverschwendung der Welt.

Als Revanche für die voreingestellte Frotzeligkeit grüßt die Metropole mit Verstopfung. Die Reisenden stehen im nächtlichen Stau. Ameisengleich eingekeilt zwischen Monstertrucks und Güterverkehr. Immerhin sendet die Herberge in der Ferne bereits erste Signale, „Circus, Circus“ blinkt die himmelhohe Unterkunft. Schließlich angekommen klatschen die Dimensionen die Wandervögel wach. Ein vielstöckiges golfplatzdimensioniertes Parkhaus, weinende Männer und einstundenlanges Schlangestehen für den Check-In. In der Lobby herrschen indische Verhältnisse. Große, kleine, dicke, dünne, ungewaschene, parfümierte, abgewrackte und aufgebretzelte Menschen, die sich in einem fort ihre Gedanken mitteilen. Synapsen am Limit, doch der Eintritt ist erst das Vorspiel.

Nachdem die Wandervögel ihre Habseligkeiten in Zimmer 10819 des West-Towers (ja das Hotel hat noch einen Casino-Tower voller Zimmer. Nein, es geht noch Stockwerke weiter rauf als nur in den zehnten Stock) haben fallen lassen, schleppen sie sich mit letzter Kraft zurück in das Erdgeschoss. Casino gucken. Synapsen platzen. „300 Dollar auf die 22.“, „Noch eine Karte?“ sogar das bescheuerte puste-auf-meine-Hand-mit-den-Würfeln-und-bring-mir-Glück sieht man hier. Ein blendender Aktionismus aus einarmigen, vieltastigen Banditen. Dreiviertelhosen, Dauerwellen, Flipflops, Gehilfen, Speckkragen, Zigarettenqualm und Rülpsgeruch – Casino Royale geht anders, aber so fallen die Wandervögel immerhin gar nicht auf. Ohnehin ist hier jeder mit sich selbst und seinem persönlichen Ruin beschäftigt.

Am nächsten Tag steht der „Strip“ auf dem Programm, die endlose Straße an der sich die „Hotels“ – besser Casinos mit angeschlossenen Vergnügungsparks und Übernachtungsmöglichkeit – erstrecken. Zum wach werden erkunden die Wandervögel zunächst die hoteleigenen Unterhaltungseinrichtungen. Den Indoor-(!)Jahrmarkt mit Autoscooter, Achterbahn und anderen Fahrgeschäften lassen sie links liegen und steuern zielstrebig in die Poollandschaft, in der sie ob ihrer vergleichsweisen Gertenschlankheit deutlich aus der Masse hervorstechen. Die Kinder schreien, die Hot-Pants-Bedienung mit Extensions, künstlichen Wimpern und French Nails stöckelt zwischen den Liegen umher, während stumpfe Chartmusik das Areal beschallt. Seufzend ziehen die Reisenden weiter.

Doch unerwartet erstreckt sich vor ihnen fantastisches Vergnügen Verheißendes. In den Himmel ragt eine Wasserrutsche. Besser drei Wasserrutschen, auf denen man aus 25 Metern in die Tiefe schießt. Furchtlos und mit viel zu viel Schwung schleudert Wandervogel 2 seinen Körper in die Röhre des Todes. Der Höllenschlund nimmt die Opfergabe begierig auf, wirbelt den muskulösen Snack von einer Seite auf die andere, lässt ihn in pechschwarzer Finsternis abheben, um ihn darauf hin wuchtig auf den Boden der Tatsachen zu stoßen und durch alle Körperöffnungen die Nebenhöhlen und was sich sonst an Ohren, Nase und achtlos Geöffnetem anschließt mit gechlortem Hochdruck zu fluten. Nach eine Ewigkeit andauernden Sekunden ist der Spaß vorbei und der Wandervogel fertig mit der Welt. Nochmal! Nochmal!

Ausgehungert geht es an die Erfüllung eines amerikanischen Traums von Wandervogel 1 – Speisen im Diner. In Ermangelung an Alternativen geht es in eine „Denny‘s“-Filiale, immerhin ein Diner-artiges Etablissement. Die Speisekarte lässt das Mark gefrieren, allen Speisen sind Kalorienangaben angestellt, allesamt 1000-Kalorien-Gerichte, was die allgegenwärtige Glockenförmigkeit erklärt. Wider besseren Wissen kämpfen sich die Wandervögel durch zwei Burger. In letzter Konsequenz soll sie das verspätete Frühstück den Tag über begleiten, wie die Wackersteine den Märchenwolf. Eine denkwürdige Mahlzeit.

So schleppen sich die übervollen Touristen den Strip entlang, auf dem ihnen irritierend viele in spärlicher Bademode gekleidete Mädchen und aufgeblasene Jungs in Trägerhemden entgegen torkeln. Quell der Kaputten ist eine Poolparty, die just von der Polizei aufgelöst wird, die einen Amüsierwilligen in Handschellen abführt. In Tangas Stolpernde, einander stützende Besoffene in Shorts – der Strip ist voll wie 1.000 Russen auf Badeurlaub. Den Vogel schießt eine Strandhaubitze ab, die ihren Begleiter anschreit, dass sie – kurz nach dem assistierten Aufstehen aus der Blumenrabatte – nicht geistig behindert sei. Natürlich sehe sie, dass sie in eine befahrene Straßenkreuzung stolpere; schließlich sei sie ja nicht geistig behindert und sehe die ganzen Autos. Die natürliche Selektion bei der Arbeit.

Exemplarisch soll dieser Exkurs für die schwer fassbare Vegas-Erfahrung der Wandervögel stehen. Eine reizüberflutende Metropole voller Besoffener in Unterwäsche. BH-lose Animiermädchen mit verklebten Brustwarzen in Federkostümen und hautkrebsige Schnappsleichen, für die ein als Wochenende geplanter Ausflug einfach nicht zuende gehen will, die Zwei-Liter-Flasche Gin wie einen Rettungsanker in der zittrigen Hand. Hotels wie Kleinstädte, deren Fassaden den Markusplatz einschließlich trällernder Gondolieries miteinschließen oder einer Häuserfront Brooklyns aus den 1930er Jahren nachempfunden sind – einschließlich einer Coney-Island-Replik mit Riesenrad und Achterbahn. Womöglich gewinnt die Bank dann statistischer doch häufiger als die Spieler.

Am Ende des Strips grinst David Copperfield die Wandervögel von einer Plakatwand aus an und die Reisenden folgen seinem hypnotischen Schlafzimmerblick. Unverhofft finden sie sich im MGM Grand Hotel wieder, wo der Exfreund von Claudia Schiffer die Bühne betritt. Das blendende Weiß seiner Zähne, die undurchdringliche Dichte seines dunklen Haupthaares, das bügelfaltenfreie Gesicht – pure Magie vom ersten Moment an. Mit einer ungehörigen Portion an Publikumsverachtung grenzender Lässigkeit lässt der Zauberer UFOs, Autos und Dinosaurier aus dem Nichts erscheinen, quasselt aber auch gefühlte Ewigkeiten mit einer Roboter-Puppe über die Macht der Liebe und wie diese selbst den Tod überwinden kann. Es schmalzt, doch davon bekommt Wandervogel 1 nichts mit, denn ihre Hirnzellen arbeiten konsequent daran, die Tricks zu entzaubern. Ihre Lösung: „Alles aus Plastik und mit LEDs. Das wird ganz schnell aufgeblasen und dann denkt man, es sei echt.“ Mit diesem Wissen ist es nicht mehr weit zur eigenen Show: „The Magical Van der Vogels“. Demnächst in diesem Theater.

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