Supersized. USA 2018: On the road

Vor den Wandervögeln liegt ein Fahrtag, denn der Grand Canyon liegt ungleich fußläufig vom Strand entfernt. Um auf der 700-Kilometer-Spritztour nicht zu verhungern, machen die Wandervögel einen Supermarkt ausfindig. Wie anstrengend das Einkaufen doch sein kann, denkt Wandervogel 2 und erinnert sich an die gute alte Zeit, die anbrechenden 1990er, als er halb ausgewachsen in weißem Kittel mit der Etikettiermaschine in der Hand im nördlichsten Magnet-Supermarkt Europas den Waren eindeutige Preise verpasste. Geschichte. Im Ralph-Supermarkt ist Mittdenken gefordert. Der ausgezeichnete Preis gilt nur für Inhaber einer Kundenkarte, unter Umständen nur bei Abnahme eines größeren Gebindes. Gültig für Fremdkäufer ist hingegen der mikroskopisch klein gedruckte Preis, zum dem die nicht näher ausgeführte Steuer addiert wird; gegebenenfalls auf dem gesamten Einkauf noch eine Servicegebühr. „How are you? Bar oder Kreditkarte? Have a nice day!“

Beladen mit Käsebageln und Wasserkanistern versuchen die Wandervögel L.A. zu entkommen. Dem entgegen steht die Verkehrshölle. Blinken gehört sich nicht und überholt wird gerne auch von rechts. Eingereiht in die Blechpolonaise quält man sich auf zwei Spuren je Fahrtrichtung von Ampel zu Ampel auf den Freeway. Trotz vier Spuren tritt hier keine Besserung ein. Hunderte kriechende Fahrzeuge, bestenfalls mit zwei Personen besetzt. Die Reisenden treiben, wie ein Blatt auf einem zähflüssigen Strom aus Chrom, Blech und irrwitzig überdimensionierten Motoren. Nach dem obligatorischen Ausflug in die falsche Richtung schaffen sie es auf die Interstate. Und als die Außenbezirke von L.A. schließlich im Rückspiegel verschwinden und sie den an Ausfahrten campierenden Obdachlosen zuwinken, da klappt es dann auch mit dem Verkehr.

Wenn man sich zuvor keine Gedanken gemacht hat – wie das bei Wandervogel 2 ja häufig der Fall ist – dann überrascht die Wirklichkeit. Endlos zieht sich die Straße durch das Nirgendwo, eine von Bergen einseitig eingefasste entmenschte und enttierte Leere. Einziger Zivilisationsindikator sind die Zäune am Wegesrand, denn auch das Nichts braucht Grenzen. Alle hundert Kilometer – von Meilen und Gallonen halten die Wandervögel nichts – halbiert sich das Verkehrsaufkommen, bis der Wandervogel-Nissan schließlich allein auf der Straße ist. Als einziger Begleiter schleppt sich in der Ferne ein Frachtzug über die Gleise. Im Schlepptau gezählte 82 Container, ein stählerner Bandwurm, der sich durch den Bauch des Landes kämpft.

Das ist also dieses Arizona. Aus Gründen der Gehörtsichkeit setzen die Wandervögel den Blinker und biegen auf die Route 66 ab. Tatsächlich zeigt sich hier schnell, dass der Klischee-Asphalt nach wie vor große Anziehungskraft hat, knattern den Reisenden doch Bärtige, die nebst Soziusperle helmlos auf ihren Harley Davidsons hängen entgegen. Wer schlecht im Kofferpacken ist, der nimmt hier alles mit und steuert den Wandervögeln im dreiachsigen vieltonnigen Wohnmobil entgegen. An der Anhängerkupplung der Pickup im Leerlauf, schließlich will man den Bäckergang nicht zu Fuß antreten. Am Wegesrand stellen findige Scherzkekse Schilder mit knappen Worten auf, die eigentlichen Botschaften erschließen sich erst bei aufmerksamer Lektüre im Gesamtzusammenhang. Im Endergebnis vielleicht wenig zielführend die Aufmerksamkeit Betrunkener auf das Abseits zu lenken um ihnen so mitzuteilen, dass sich Alkoholkonsum und Autofahrt nicht vertragen.

Die Endstation nach mehr als 700 Kilometern ist Williams, ein Möchtegern-Western-Furznest im Nirgendwo. Tatsächlich keine Stadt, sondern zwei Straßen, an denen ein Dutzend Motels für Grand-Canyon-Besucher ankert. Zum Verweilen lädt das örtliche Diner ein, in dem laut Aushang Schusswaffen ausdrücklich willkommen sind. Danke nein, lieber zum Mexikaner. Als die Wandervögel schließlich bei Nachteinbruch einkehren wollen, ist ihr Motel zappenduster. Einem an die Bürotür geklebten Zettel entnehmen sie den Grund für den verhaltenen Empfang: Der Besitzer liegt mit Endstadiumskrebs im Krankenhaus. Daher bitte selbst bedienen und den Schlüssel aus dem Briefkasten fingern. Bei Fragen dürfen sich die Wandervögel an die mexikanische Putzfrau wenden. Gespannt darauf, ob es sich um die Köchin der mexikanischen Gaststätte handelt, sinken sie ins überdimensionierte Bett.

2 Gedanken zu „Supersized. USA 2018: On the road

  1. „ein stählerner Bandwurm, der sich durch den Bauch des Landes kämpft.“
    So langsam wird es episch. Und wieder einmal der eindringliche Hinweis auf die Veröffentlichung dieser eingemachten Werke in Buchform !!!

    • Haha. Wenn es mehr als Du und Holger kaufen, überlege ich es mir. Und tatsächlich müsste und würde ich euch die Exemplare für die Lesetreue schenken.

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