Hi-Ha-Hummus. Israel 2017: Die Lazareth-Fusion

Des bewölkten Strandes überdrüssig, packen die Wandervögel ihre Sachen und machen sich an die Weiterreise. Der Kompass zeigt auf Nazareth und so geht es gewaschen, gekämmt und mit Nutellastullen gestärkt zur Bushaltestelle. An die Fahrt im Wechselgeldkettenbus durch die Ranzigkeit schließt eine Fahrt im Überlandbus an. Offenkundig ein populäres Reisemittel, denn die beiden sind umgeben von zahlreichen Soldatinnen und Soldaten in Zivil oder Flecktarn und schwerbepackten Greisen. Vor allem erstere Gruppe irritiert durch ihr zur Schau getragenes Kriegsgerät; aber es wartet sich halt betont lässiger auf den öffentlichen Nahverkehr, wenn ein Galil über der Schulter hängt.

Die Unterkunft der Wandervögel liegt im oberen Teil der Altstadt. Schwer bepackt schleppen sie sich durch verwundene Gassen, in denen Händler allerlei Schrott anbieten. Neben Jesus-Fan-Artikeln sind vor allem Plastik-Sturmgewehre für die Jungs und entstellte Plüschmutanten aus chinesischer Produktion für die Mädchen im Angebot. Nach einem mäandernden Gewaltmarsch angekommen, stehen die Reisenden vor verschlossener Tür. Doch insistentes Klingeln, Klopfen und Hämmern gegen die Stahltür führt schließlich zum Erfolg. Eine Frauenstimme plärrt den vierstelligen Türcode.

Nach kurzem Warten werden die Wandervögel von einem pyknischen Gnom begrüßt, der sich bei näherer Betrachtung als adipöser, halsloser Zwölfjähriger herausstellt. Wenngleich dieser sich blendend darauf versteht, im YouTube-Dschungel zu für ihn relevanten unterhaltsamen Inhalten zu navigieren, steht es um seine realweltliche Performanz eher schlecht. So behalten die Wandervögel ihre unbeantworteten Fragen zur Stadt zunächst für sich und laden das Geschleppe in ihrer Kammer ab. Diese ist ein eigenwilliger Selbstbau, der Tradition und Moderne in fragwürdiger Weise miteinander vereint: Sperrholzplatten, U-Profile und Bauschaum treffen auf historische Bausubstanz.

Da die Wandervögel die einzigen Gäste des Etablissements sind, ist auch ihr alter Freund Ruhe zu gegen; gestört lediglich durch ein regelmäßig auftretendes Rattern und Zischen. Statt einer Kobra, oder etwas ähnlich Dramatischem, produziert ein automatischer Duft-Spender das Geräusch. Eine Erkenntnis, die den in der Unterkunft allgegenwärtig herrschenden Klostein-Gestank erklärt. Mit flinken Fingern demontiert Wandervogel 2 die Geräte, nur um am nächsten Tag festzustellen, dass es sich bei der perversen Beduftung um eine Schimmelgestanks-Maskerade handelt.

Das eher überschaubare Nazareth zeichnet sich vorrangig durch den längst-andauernden Verkehrskollaps der Welt aus. Zahllose stinkende und hupende Dreckschleudern kriechen durch die Gassen, orientalische Klänge quäken aus den Autoradios und Halbstarke balzen auf ihren knatternden Mopeds mit angebohrten Auspuffen durch die Lücken in den endlosen Blechkarawanen. Wer sich daran satt gesehen hat, kann sich den weniger spektakulären Sehenswürdigkeiten widmen, von denen Nazareth eine handvoll zu bieten hat.

Zunächst stehen die Wandervögel mit offenen Mündern vor der Marienquelle, einem Betonbau, der per Hinweistafeln das Trinken untersagt. Allerdings fließt hier in der Nebensaison ohnehin nichts. Da die Griechisch-Orthodoxen die Meinung vertreten, sie wüssten es besser, haben sie fußläufig die Kirche des Heiligen Gabriel über der „echten“ Quelle von Maria gebaut. Über dem vermeintlichen Domizil der Jesus-Mutter steht hingegen die Verkündigungsbasilika, von eigenwillig moderner Architektur. Von besonderer geschmacklicher Eigenwilligkeit sind die Illustrationen, die Jesus mit greisenem Gesicht im Schoße seiner Mutter mit schiefem Schädel zeigen. Ecce Mono läßt grüßen.

Zu den Rufen des Muezzins auf dem Niveau schlechten Stadiongesangs schlurfen die Wandervögel durch die alten Mauern, um schließlich die berühmte Küche Nazareths zu kosten. Der Reiseführer preist Fusion, das kulinarische Verschmelzen von Orient unf Okzident, welches die beiden im besten Haus am Platze kosten wollen. Vor allem kosten sie dann viel heiße Luft, denn für 50 Euro gibt es – versteckt hinter abenteuerlichen Beschreibungen – Frühlingsrolle mit Frikadelle und Pizza mit fettigen Hähnchenstücken. Das ist dann wohl Fusion, aber köstlich geht anders.

Durch die frühabendliche Dunkelheit bahnen sich die Wandervögel ihren Weg zurück zur Herberge, vorbei an den auch in Jesus-Mutti-City im Müll wühlenden Straßenkatzen. Angekommen in der Unterkunft wabern ihnen Rauchschwaden entgegen, doch hinter diesen stecken nicht offene Flammen, sondern Moppel-Boy, der die Abwesenheit von Mama und Papa nutzt, um genüßlich eine Wasserpfeife durchzuziehen, während kein YouTube-Video ungesehen bleibt. Als die Kemenate die Wandervögel mit einer wohl wahrnehmbaren Schimmelnote begrüßt, verzichten sie auf das Ausbreiten und stellen sich stattdessen auf die Weiterreise ein.

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